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Taumelnder Finanzkonzern Dexia : Mariani droht der Abstieg vom Retter zum Abwickler

Pierre Mariani Bild: AFP

Vor drei Jahren hat Frankreichs Präsident Sarkozy seinen Vertrauten Pierre Mariani auf den Chefsessel der Dexia-Bank gehoben. Wenn Paris schon Steuergeld vergebe, dann müsse auch ein fähiger Landsmann das Steuer in die Hand nehmen. Jetzt steht die Bank vor der Zerschlagung.

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          Dem Franzosen Pierre Mariani, Vorstandsvorsitzender der Bank Dexia, schwimmen die Felle davon: Niedergedrückt von wertlosen Papieren der Subprime-Krise, vollgesogen mit dubiosen europäischen Staatsanleihen und geplagt vom Misstrauen der einst finanzierungswilligen Banken, steht der französisch-belgische Finanzkonzern vor der Zerschlagung. Nach der ersten Rettungsaktion vor drei Jahren müssen die staatlichen Aktionäre aus Belgien, Frankreich und Luxemburg Dexia nun abermals auffangen. In den kommenden Tagen werden die Details festgeklopft.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hatte vor drei Jahren seinen Vertrauten Mariani an der Dexia-Spitze durchgedrückt - obwohl der französische Staat nach Belgien nur der zweitgrößte Aktionär von Dexia ist. Wenn Paris schon Steuergeld vergebe, dann müsse auch ein fähiger Landsmann das Steuer in die Hand nehmen, lautete damals die Überlegung im Elysée-Palast. Der belgische Vorgänger Axel Miller machte den Stuhl frei und musste später auch auf seine großzügige Abfindung verzichten. Dieser französische Machtbeweis erweist sich nun jedoch als Schuss ins Leere, denn heute will eigentlich niemand etwas mit Dexia zu tun haben.

          Mariani war ein aufstrebender Bankier beim französischen Marktführer BNP Paribas, zuständig für das wichtige internationale Filialgeschäft, als ihn im Herbst 2008 Sarkozys Anruf erreichte. Die beiden kennen sich seit langem: Mariani leitete zwischen 1993 und 1995 das Kabinett des damaligen Budgetministers und Regierungssprechers Sarkozy. Der BNP Paribas-Aufsichtsratschef Michel Pébereau warnte ihn damals vor dem Wechsel zu Dexia: „Sie begehen einen großen Fehler“, soll er Mariani gesagt haben, doch dieser wollte den Wunsch des Präsidenten nicht ausschlagen.

          Der Dexia-Konzern steht vor einer radikalen Veränderung

          Der heute 55 Jahre alte Mariani hat einen starken mediterranen Einschlag. Er wurde im marokkanischen Rabat als Sohn eines korsischen Vaters und einer italienischen Mutter geboren. Politisch ist er äußerst gut vernetzt. Der Absolvent der Kaderschmiede für Verwaltungsbeamte, ENA, sowie der französischen Managementschule HEC war zehn Jahre lang in verschiedenen Funktionen im Finanzministerium tätig, bevor er an die Seite von Sarkozy trat.

          Mitte der neunziger Jahre wechselte er in die Privatwirtschaft. Kurze Zeit war er für eine Immobiliengesellschaft des französischen Konzerns Fimalac tätig, dem auch die Ratingagentur Fitch gehört, bevor er 1996 bei der BNP Paribas eintrat, wo er kontinuierlich aufstieg.

          In jüngster Zeit fiel Mariani in Paris durch seine freimütigen Bemerkungen auf. So sagte er vor wenigen Wochen vor französischen Journalisten, dass die aktuelle Bankenkrise in jedem Fall zu einer Kreditverknappung für die Realwirtschaft führen werde. Ist ihm die Endlichkeit seiner Aufgabe bei Dexia vielleicht schon eine Weile bewusst? Eine Zerschlagung der Bank dürfte dazu führen, dass das umfangreiche Finanzierungsgeschäft französischer Kommunen wieder nach Frankreich geht. Dort soll es mit der staatlichen Beteiligungsgesellschaft Caisse des dépôts (CDC) und vielleicht auch mit der Postbank zusammengeführt werden. Das wäre gewissermaßen eine Rückkehr zu den Wurzeln, denn die Kommunalfinanzierung war bis in die achtziger Jahre ein Geschäftsbereich der CDC. Ob die Führung einer solchen staatlichen Bank der Kommunalfinanzierung Mariani reizen könnte, ist nicht bekannt, könnte aber bald zum Gegenstand von Spekulationen werden.

          Der forsche Franzose schreibt es auf jeden Fall seinem Verdienst zu, dass die Dexia im vergangenen Geschäftsjahr wieder einen Gewinn erzielte, auch wenn die internen Dämme der Bank den Stürmen der zweiten Finanzkrise längst nicht mehr standhielten.

          Mariani, der in seiner Freizeit gerne tauchen geht, muss nun auch beruflich die Tiefen der Finanzkrise ausloten. Trösten kann er sich vielleicht damit, dass sein Fixgehalt im vergangenen Jahr gegenüber jenem seines Vorgängers von 825000 Euro auf den stattlichen Betrag von 1,2 Millionen Euro angehoben und überdies durch einen üppigen Bonus von 600000 Euro aufgestockt wurde. Angesichts der lautstarken Proteste in Frankreich gegen die „Boni-Bänker“ wird er sich darüber wohl nur im Stillen freuen können.

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