https://www.faz.net/-h1a-6u3om

„Postdocs“ : Ihr müsst die Besten verführen

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Für Doktoranden in den Geistes- und Sozialwissenschaften wird viel Geld ausgegeben. Doch für die eigentlichen Träger der Forschung, die „Postdocs“, fehlen anregende Milieus.

          5 Min.

          Werfen Sie einen Blick in die Cafeteria und Sie werden verstehen, wie wir arbeiten", sagte mir Hans Weidenmüller bei einem Besuch im Max-Planck-Institut für theoretische Physik in Heidelberg. Dort fand ich junge Wissenschaftler aus aller Herren Länder, zwischen 25 und 35, zu dritt, zu viert, nicht nur mit ihren Laptops schweigend ins Gespräch vertieft, sondern auch vergnügt sich Geschichten erzählend. "Wir Direktoren sind zu alt, um noch wirklich Neues zu denken. Ohne die Postdocs können wir nicht wirklich produktiv sein. Wir Alten haben vielleicht den Vorteil des größeren Überblicks und des ausgewogenen Urteils aufgrund von Erfahrung, aber das Neue entsteht aus der Unbefangenheit der Jungen. Sie müssen auf Wanderschaft gehen, zwischen den Instituten rund um die Welt, die sich gegenseitig respektieren." Ein ähnlicher Eindruck entsteht aus Erzählungen von Postdocs über ihre Zeit am EMBL (European Molecular Biology Laboratory). Als Postdoc in den Naturwissenschaften gehört die Wanderschaft und die Gemeinschaft mit den anderen Postdocs zur selbstverständlichen Normalität, wenn man Wissenschaftler werden will.

          Deutsche Geistes-, und Sozialwissenschaftler, die eine Karriere als Wissenschaftler anstreben, befinden sich dagegen in einer ungewisseren Situation, und das für lange Zeit. Die Strukturen - Assistent, Habilitationsstipendium, Angestellter in einem Forschungsprojekt oder -verbund, Juniorprofessor, Nachwuchsgruppenleiter etc. - sind vielfältig. Geistes- und Sozialwissenschaftler sind in dieser Phase nicht systematisch mit internationalen Kontakten konfrontiert. Häufig sind sie auf sich selbst gestellt.

          Zudem ist nicht absehbar, wann er oder sie in eine dauerhafte und gesicherte Position in Forschung oder Lehre kommen könnte. Und überall begegnen ihnen die arrivierten Professoren, Seniores, die es besser wissen und die Regeln vorgeben. Manche ziehen eine zynische Schlussfolgerung: Wer sich unter diesen Bedingungen bewährt, ist besonders gut. Für viele Postdocs sind die Vereinigten Staaten attraktiver. Dort wird man erst einmal mit Begeisterung für die eigenen Ideen empfangen und kann nach drei, vier Jahren absehen, ob eine akademische Karriere aussichtsreich ist. Da es vielen Nicht-Amerikanern ebenso geht, findet man dort auch ein anregendes Milieu von Gleichgestellten aus aller Welt.

          Gemeinsamkeit und Freiheit

          Diese Situation ist wissenschaftspolitisch bedenklich. Die Attraktivität für Postdocs aus der ganzen Welt ist ein Lackmus-Test für die Qualität des Wissenschaftsstandortes Deutschland. Auf der Ebene der Promotionsförderung ist viel getan worden. Aber was folgt danach? Die Habilitation hat, von Disziplin zu Disziplin unterschiedlich, an Bedeutung verloren. Assistentenstellen, häufig halbiert, sind rarer und unattraktiver geworden. Juniorprofessoren werden häufig so mit Verwaltung und Lehre eingedeckt, dass sie kaum zu einer weiterem großen Arbeit kommen.

          Die vom Bund geförderten internationalen Forschungskollegs könnten solche Milieus sein. Sie sind thematisch so offen, dass sie das rechte Maß an inhaltlicher Bestimmtheit bei Offenheit für einen fruchtbaren Austausch von Postdocs unterschiedlicher Disziplinen und Herkunft bieten könnten. Angesehene Postdoc-Programme wie die am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte oder das zu "Europe in the Middle East - the Middle East in Europe" am Wissenschaftskolleg in Berlin sind so attraktiv, weil sie einen solchen lockeren Rahmen bieten, der individuelle Vertiefung mit Anregungen durch ähnlich interessierten Gleichaltrige zu verbinden erlaubt.

          Viele Wissenschaftler erinnern ihre Zeit als Doktorand und als Postdoc als eine Zeit des Enthusiasmus für ihre Wissenschaft, des Vergnügens an ihrer Arbeit. In dieser Zeit werden die Grundlagen für die Spannweite der bearbeiteten Fragen gelegt. Große Fragen und Neugier sind noch nicht durch die ständige Notwendigkeit verschüttet, auf die Anforderungen des disziplinären Betriebes zu reagieren. Die administrativen Belastungen halten sich noch in Grenzen.

          Lange Phasen der einsamen Arbeit

          Gegen solche Forschungskollegs kann eingewandt werden, dass sie wie soziale Milieus selektiv wirken. Sicher bewirken sie eine spezifische Sozialisierung und haben die Absicht, den jeweiligen Forschungsstil zu verbreiten. Die Situation ist aber für den Einzelnen viel offener als in späteren Phasen der Karriere mit stärkerer institutioneller Einbindung.

          Das Angebot solcher Milieus für die Geistes- und Sozialwissenschaften sollte nicht einfach imitieren, was in den Naturwissenschaften erfolgreich ist. Sie müssen vielmehr den Eigenarten dieser im Wesentlichen hermeneutisch verfahrenden Wissenschaften gerecht zu werden versuchen. Der Gelehrte fremder Sprachen und Kulturen braucht lange Phasen der einsamen Arbeit. Der Historiker, der sich nicht in seine Quellen vertiefen kann, wird kaum folgenreiche, neue Sichtweisen vorschlagen können. Der Sozialanthropologe muss seine Materialien wieder und wieder durcharbeiten, um ihnen einen Ausdruck zu geben, der über die einzelnen Beobachtungen hinaus Bedeutung hat. Die dogmatische Arbeit des Juristen gewinnt ihr Gewicht durch die überzeugende Kondensation vieler einzelner Regelungen und Entscheidungen.

          Die Vielsprachigkeit des Intellekts

          Auch wenn all diese Arbeiten letztlich vom Einzelnen geleistet werden müssen, ist es folgenreich, in welcher Umgebung er arbeitet. Die meisten der derzeitigen Strukturen für Postdocs sind disziplinär organisiert. Die Fakultät verlangt vom Junior-Professor, sich mit dem Fachkollegen zu messen, seine Originalität durch Spezialisierung unter Beweis zu stellen. Ähnlichem Druck zur Anpassung an die Kriterien der Disziplin ist der Nachwuchswissenschaftler in Clustern oder als Habilitant oder Nachwuchsgruppenleiter in einem Institut ausgesetzt. Die Karriere ist letztlich von der Anerkennung der disziplinären Fachkollegen abhängig, vor allem innerhalb der jeweiligen Institution und innerhalb der nationalen Fachgemeinschaft.

          Ein internationales transdisziplinäres Milieu bringt demgegenüber zusätzliche Anregungen. Das Bedürfnis, das Interesse an der eigenen Arbeit bei Kollegen anderer Disziplinen zu wecken, veranlasst zu einer Darstellung, die auf den Verständnishorizont der anderen Disziplin eingeht, ja im günstigsten Fall für ein allgemeines Publikum geeignet ist. Ein zweiter Aspekt: Wendet man sich einem wenig vertrauten Feld zu, kann die Lektüreempfehlung des Kollegen viele irrelevante Umwege ersparen.

          Zum Dritten die Sprache: Die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, die in anderen Sprachen arbeiten, kann ebenfalls den Referenzrahmen der eigenen Arbeit erweitern. Die andere Kultur bereichert, ähnlich wie die andere Disziplin, die analytische Phantasie. Ein intellektuelles Milieu, in dem die Sprachenvielfalt gepflegt wird, ist deshalb anregender als eines, in dem nur Englisch gesprochen wird. Es kann zudem die Ausländer dazu motivieren, Deutsch zu lernen. Die Vielsprachigkeit kann so die Einbeziehung des Deutschen, die von vielen Wissenschaftseinrichtungen als Handicap empfunden wird, zu einem Vorteil für den Wissenschaftsstandort Deutschland ummünzen. Im englischsprachigen Raum wird man ein solches vielsprachiges Milieu kaum finden.

          Institutionalisierung der Milieus

          Die Förderung solcher Milieus ist allerdings Schwierigkeiten ausgesetzt. Die Organisationen der Forschungsförderung erwarten zum Beispiel, dass die institutionellen Bedingungen wie ein Haus oder die Verwaltung durch die jeweiligen lokalen Einrichtungen bereitgestellt werden. Diese haben jedoch meist Entscheidungsmechanismen mit anderen Prioritäten. Ein Haus zur Verfügung zu stellen, um Postdocs anderer Länder zu dienen, gerät leicht ins Hintertreffen, etwa gegenüber einem lokalen Forschungsverbund. Die Förderer wollen sich zudem für möglichst kurze Zeiträume festlegen, nicht institutionell fördern.

          Eine zusätzliche spezifische Schwierigkeit: Ein solches Milieu lebt vom Engagement der leitenden Wissenschaftler. Für diese ist diese Tätigkeit aber kaum karriereförderlich; altruistische Einstellungen werden zwar allseits gelobt, verringern aber die Zeit für die eigene Forschung. Zudem sind solche Personen erfahrungsgemäß sehr schwer zu ersetzen. Nach dem Ausscheiden einer erfolgreichen wissenschaftlichen Leitung kann sich also die Notwendigkeit ergeben, mangels geeignetem Nachfolger die Einrichtung zu schließen, eine Aussicht, die keinem Mut macht, den Aufbau eines solchen Milieus zu fördern.

          Trotz allem, im Interesse des Wissenschaftsstandortes Deutschland sollte versucht werden, eine Institutionalisierung solcher thematisch breit definierter Milieus zu erreichen, soziale Infrastrukturen, wie der Wissenschaftsrat sie wohl nennen würde. Schließlich ist Deutschland für die hier in Frage stehenden Wissenschaften besonders gut ausgestattet, durch das traditionelle Gewicht, das den Geistes- und Sozialwissenschaften gegeben wird, durch die reichen historischen Sammlungen und durch die Vielzahl der in diesen Bereichen beschäftigten Wissenschaftler. Der Forschungsstandort Deutschland könnte davon profitieren, dass diese Fächer in anderen Ländern aufgrund der allgemeinen Kommerzialisierung so unter Druck stehen. Die besten Postdocs könnten verführt werden, Deutsch zu lernen und hier zu arbeiten.

          Topmeldungen

          Kanzlerkandidat der Union : Schluss mit Zaudern

          Nun ist es amtlich: Markus Söder will Kanzlerkandidat der Union werden. Doch das Rennen mit Armin Laschet ist noch nicht vorbei.