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„Postdocs“ : Ihr müsst die Besten verführen

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Ein internationales transdisziplinäres Milieu bringt demgegenüber zusätzliche Anregungen. Das Bedürfnis, das Interesse an der eigenen Arbeit bei Kollegen anderer Disziplinen zu wecken, veranlasst zu einer Darstellung, die auf den Verständnishorizont der anderen Disziplin eingeht, ja im günstigsten Fall für ein allgemeines Publikum geeignet ist. Ein zweiter Aspekt: Wendet man sich einem wenig vertrauten Feld zu, kann die Lektüreempfehlung des Kollegen viele irrelevante Umwege ersparen.

Zum Dritten die Sprache: Die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, die in anderen Sprachen arbeiten, kann ebenfalls den Referenzrahmen der eigenen Arbeit erweitern. Die andere Kultur bereichert, ähnlich wie die andere Disziplin, die analytische Phantasie. Ein intellektuelles Milieu, in dem die Sprachenvielfalt gepflegt wird, ist deshalb anregender als eines, in dem nur Englisch gesprochen wird. Es kann zudem die Ausländer dazu motivieren, Deutsch zu lernen. Die Vielsprachigkeit kann so die Einbeziehung des Deutschen, die von vielen Wissenschaftseinrichtungen als Handicap empfunden wird, zu einem Vorteil für den Wissenschaftsstandort Deutschland ummünzen. Im englischsprachigen Raum wird man ein solches vielsprachiges Milieu kaum finden.

Institutionalisierung der Milieus

Die Förderung solcher Milieus ist allerdings Schwierigkeiten ausgesetzt. Die Organisationen der Forschungsförderung erwarten zum Beispiel, dass die institutionellen Bedingungen wie ein Haus oder die Verwaltung durch die jeweiligen lokalen Einrichtungen bereitgestellt werden. Diese haben jedoch meist Entscheidungsmechanismen mit anderen Prioritäten. Ein Haus zur Verfügung zu stellen, um Postdocs anderer Länder zu dienen, gerät leicht ins Hintertreffen, etwa gegenüber einem lokalen Forschungsverbund. Die Förderer wollen sich zudem für möglichst kurze Zeiträume festlegen, nicht institutionell fördern.

Eine zusätzliche spezifische Schwierigkeit: Ein solches Milieu lebt vom Engagement der leitenden Wissenschaftler. Für diese ist diese Tätigkeit aber kaum karriereförderlich; altruistische Einstellungen werden zwar allseits gelobt, verringern aber die Zeit für die eigene Forschung. Zudem sind solche Personen erfahrungsgemäß sehr schwer zu ersetzen. Nach dem Ausscheiden einer erfolgreichen wissenschaftlichen Leitung kann sich also die Notwendigkeit ergeben, mangels geeignetem Nachfolger die Einrichtung zu schließen, eine Aussicht, die keinem Mut macht, den Aufbau eines solchen Milieus zu fördern.

Trotz allem, im Interesse des Wissenschaftsstandortes Deutschland sollte versucht werden, eine Institutionalisierung solcher thematisch breit definierter Milieus zu erreichen, soziale Infrastrukturen, wie der Wissenschaftsrat sie wohl nennen würde. Schließlich ist Deutschland für die hier in Frage stehenden Wissenschaften besonders gut ausgestattet, durch das traditionelle Gewicht, das den Geistes- und Sozialwissenschaften gegeben wird, durch die reichen historischen Sammlungen und durch die Vielzahl der in diesen Bereichen beschäftigten Wissenschaftler. Der Forschungsstandort Deutschland könnte davon profitieren, dass diese Fächer in anderen Ländern aufgrund der allgemeinen Kommerzialisierung so unter Druck stehen. Die besten Postdocs könnten verführt werden, Deutsch zu lernen und hier zu arbeiten.

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