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„Postdocs“ : Ihr müsst die Besten verführen

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Die vom Bund geförderten internationalen Forschungskollegs könnten solche Milieus sein. Sie sind thematisch so offen, dass sie das rechte Maß an inhaltlicher Bestimmtheit bei Offenheit für einen fruchtbaren Austausch von Postdocs unterschiedlicher Disziplinen und Herkunft bieten könnten. Angesehene Postdoc-Programme wie die am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte oder das zu "Europe in the Middle East - the Middle East in Europe" am Wissenschaftskolleg in Berlin sind so attraktiv, weil sie einen solchen lockeren Rahmen bieten, der individuelle Vertiefung mit Anregungen durch ähnlich interessierten Gleichaltrige zu verbinden erlaubt.

Viele Wissenschaftler erinnern ihre Zeit als Doktorand und als Postdoc als eine Zeit des Enthusiasmus für ihre Wissenschaft, des Vergnügens an ihrer Arbeit. In dieser Zeit werden die Grundlagen für die Spannweite der bearbeiteten Fragen gelegt. Große Fragen und Neugier sind noch nicht durch die ständige Notwendigkeit verschüttet, auf die Anforderungen des disziplinären Betriebes zu reagieren. Die administrativen Belastungen halten sich noch in Grenzen.

Lange Phasen der einsamen Arbeit

Gegen solche Forschungskollegs kann eingewandt werden, dass sie wie soziale Milieus selektiv wirken. Sicher bewirken sie eine spezifische Sozialisierung und haben die Absicht, den jeweiligen Forschungsstil zu verbreiten. Die Situation ist aber für den Einzelnen viel offener als in späteren Phasen der Karriere mit stärkerer institutioneller Einbindung.

Das Angebot solcher Milieus für die Geistes- und Sozialwissenschaften sollte nicht einfach imitieren, was in den Naturwissenschaften erfolgreich ist. Sie müssen vielmehr den Eigenarten dieser im Wesentlichen hermeneutisch verfahrenden Wissenschaften gerecht zu werden versuchen. Der Gelehrte fremder Sprachen und Kulturen braucht lange Phasen der einsamen Arbeit. Der Historiker, der sich nicht in seine Quellen vertiefen kann, wird kaum folgenreiche, neue Sichtweisen vorschlagen können. Der Sozialanthropologe muss seine Materialien wieder und wieder durcharbeiten, um ihnen einen Ausdruck zu geben, der über die einzelnen Beobachtungen hinaus Bedeutung hat. Die dogmatische Arbeit des Juristen gewinnt ihr Gewicht durch die überzeugende Kondensation vieler einzelner Regelungen und Entscheidungen.

Die Vielsprachigkeit des Intellekts

Auch wenn all diese Arbeiten letztlich vom Einzelnen geleistet werden müssen, ist es folgenreich, in welcher Umgebung er arbeitet. Die meisten der derzeitigen Strukturen für Postdocs sind disziplinär organisiert. Die Fakultät verlangt vom Junior-Professor, sich mit dem Fachkollegen zu messen, seine Originalität durch Spezialisierung unter Beweis zu stellen. Ähnlichem Druck zur Anpassung an die Kriterien der Disziplin ist der Nachwuchswissenschaftler in Clustern oder als Habilitant oder Nachwuchsgruppenleiter in einem Institut ausgesetzt. Die Karriere ist letztlich von der Anerkennung der disziplinären Fachkollegen abhängig, vor allem innerhalb der jeweiligen Institution und innerhalb der nationalen Fachgemeinschaft.

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