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Medizin : Hirnleiden werden immer teurer im alten Europa

  • -Aktualisiert am

105 Milliarden Euro für die Pflege von Demenz-Kranken in Europa Bild: dpa

Eine neue Studie liefert alarmierende Zahlen. Fünf größtenteils psychische Störungen schlagen in Europa gewaltig zu Buche.

          3 Min.

          Patienten mit Störungen der Hirnfunktion kommen die europäischen Staaten teuer zu stehen. Alarmierende Zahlen liefert jedenfalls eine vom „European Brain Council“ (EBC) veranlasste Studie, deren Ergebnisse am Dienstag im Europäischen Parlament in Brüssel vorgestellt wurden. Wie daraus hervorgeht, mussten die Länder der Europäischen Union, Norwegen, Island und die Schweiz im vergangenen Jahr zusammen knapp 800 Milliarden Euro für Patienten mit Hirnleiden aufbringen. Auf Deutschland entfielen hiervon 153 Milliarden Euro, das sind rund 1900 Euro pro Einwohner - etwas mehr als der bei 1550 Euro liegende europäische Durchschnitt.

          Freilich, der Begriff „Hirnstörungen„ wurde vom „European Brain Council“ weit gesteckt. So versteht der Interessenverbund aus Grundlagenforschern, Klinikärzten, Patientenorganisationen und Industriepartnern darunter nicht nur psychische und neurologische Erkrankungen wie Psychosen, Depressionen, Demenzleiden und das Parkinson-Syndrom. Vielmehr zählt er dazu auch Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Essstörungen und kindliche Entwicklungsstörungen. Aufschlussreicher als der Blick auf die gesamten Aufwendungen ist daher jener auf die Kosten der einzelnen Hirnleiden.

          Enorme Bürde für die europäischen Staaten

          Dabei fällt auf, dass fünf größtenteils psychische Störungen in Europa am meisten zu Buche schlagen. So verursachten Depressionen und andere Gemütskrankheiten im Jahr 2010 direkte und indirekte Kosten in Höhe von 113 Milliarden Euro. Danach folgten Demenzen mit 105 Milliarden Euro, Psychosen mit 94 Milliarden Euro, Angststörungen mit 74 Milliarden Euro, Suchterkrankungen mit 66 Milliarden Euro und Schlaganfälle mit 64 Milliarden Euro. Was die Zahl der Betroffenen anbelangt, sieht die Reihenfolge etwas anders aus. Hier nehmen Angststörungen den ersten Platz ein (69 Millionen Erkrankte), vor Depressionen (33 Millionen), Suchterkrankungen (15 Millionen), Schlaganfällen (acht Millionen) und Psychosen (fünf Millionen).

          Wie Alastair Benbow, der Geschäftsführer des „European Brain Council“, in einem Gespräch mit dieser Zeitung hervorhob, wird die Bedeutung dieser und anderer Hirnleiden in Zukunft noch weiter zunehmen. Maßgebliche Ursache dieses Trends sei die Alterung der Gesellschaft. Mit zunehmendem Alter steige nicht nur das Risiko für degenerative Hirnleiden, etwa Demenz und Parkinson-Syndrom, sondern auch jenes für Depressionen und Angststörungen.

          Schon im Jahr 2005 hatte der „European Brain Council“ auf Grundlage einschlägiger Untersuchungen die Europäische Kommission darauf hingewiesen, dass Patienten mit Hirnkrankheiten eine enorme Bürde für die europäischen Staaten darstellen und daher ein dringender Bedarf an besseren therapeutischen und präventiven Maßnahmen bestehe. Seither sei das Problem zwar mehr ins Bewusstsein der Kommission gerückt, sagte Alastair Benbow. Allerdings gebe es nach wie vor viel zu tun. Das fange schon bei der ärztlichen Ausbildung an. So nähmen Hirnstörungen im Medizinstudium traditionell wenig Raum ein - und das, obwohl sie im ärztlichen Alltag eine extrem wichtige Rolle spielten. Hinzu komme, dass die Entwicklung neuer Medikamente gegen psychische und neurologische Leiden seit Jahre stagniere. Die Pharmafirmen hätten sich aus diesem Forschungsgebiet zurückgezogen, da der bürokratische und finanzielle Aufwand in keinem Verhältnis zu den Gewinnchancen der Unternehmen stehe. Wie Benbow ferner monierte, bekommen die Neurowissenschaften in Europa zu wenig finanzielle Unterstützung.

          Die unzureichende Forschungsförderung, aber auch die zum Teil hohen bürokratischen Hürden sind nicht zuletzt wesentliche Gründe, weshalb eine wachsende Zahl talentierter Nachwuchsforscher dem alten Kontinent den Rücken zukehrt. Auf diesen Missstand verwies der Generalsekretär des im Jahr 2002 gegründeten „European Brain Council“, der Neurochirurg Manfred Westphal vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Um die Talentflucht aufzuhalten, müssten sich die Forschungsbedingungen in Europa merklich verbessern. Was die Entwicklung neuer Behandlungsansätze betrifft, sieht der Neurochirurg andererseits keinen Grund zum Pessimismus. Die Aussichten auf einen Durchbruch seien hier vielmehr noch nie so gut gewesen wie heute. Dank bahnbrechender Entdeckungen deutscher Wissenschaftler verfüge man inzwischen über molekulare Techniken, die es erlauben, einzelne Nervenzellen zielgenau an- und auszuschalten. Ob und wann diese Erkenntnisse zur Entwicklung maßgeschneiderter Therapien führen, ist freilich noch offen.

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