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Israel : Gott weiß, wie gutes Essen schmeckt

Der Wüste abgetrotzt: Granatäpfel auf einem Markt in Jerusalem Bild: Reuters

Für Gourmets war Israel nie das Gelobte Land. Doch das ändert sich gerade: Die kulinarische Kultur blüht auf und schert sich nicht um den Zorn des Allmächtigen.

          Wir dümpeln im Toten Meer wie Menschenquietschenten und fühlen uns scheintot. Daran ist diese mineraliengetränkte Gesundheitsbrühe schuld, die nach versalzenem Nudelwasser schmeckt, weder leibesübungs- noch selbstmordtauglich und für Herren mit Bauchansatz zudem sehr unvorteilhaft ist. Doch das macht jetzt nichts, denn alle Anwesenden verführt sie zur wachkomatösen Apathie und lässt sie in einer seltsam unstofflichen Zwischensphäre schweben. Wir sind der Schwerkraft des Daseins enthoben, nur noch reiner Geist, körperlos, willenlos am tiefsten Punkt der Erde in bester Totenwachengesellschaft. Rechts hinten blicken wir an der Sargwandsteilküste der Berge Judäas hinauf zur Festung Masada, in der 73 nach Christus die allerletzten jüdischen Rebellen in ihrem Aufstand gegen Rom einen heroisch-idiotischen Massenselbstmord verübten. Links vorne liegen schrecklich leblos Sodom und Gomorra, seit der liebe Gott dem lustigen Treiben vor dreieinhalbtausend Jahren in einer cholerisch lebensverneinenden Überreaktion ein jähes Ende bereitete. Lots Frau grüßt stumm zu uns herüber, danke, uns geht's ganz gut, jedenfalls besser als der Salzmadam. Doch nach einer halben Stunde wird das Totsein langweilig. Und gut für den Kreislauf, sagen die Ärzte, ist es auch nicht.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Um Leben und Tod geht es in irgendeiner Weise immer in Israel, dem existentialistischsten Staat der Erde, der im Angesicht des Grauens von sechs Millionen Toten gegründet wurde, einen permanenten Überlebenskampf gegen seine Wüsten und Widersacher führt und mit seiner Hauptstadt Jerusalem eine Art offizieller Transitstation zwischen Himmlischen und Irdischen betreibt, jenem Ort, an dem sich Diesseits und Jenseits so nahe kommen wie sonst nirgendwo auf Erden. Wir aber suchen weder Todeserlösung noch Geistesnahrung, sondern sind mit einem durch und durch prosaisch-mosaischen Versprechen ins Heilige Land gelockt worden: Neuerdings, so heißt es, mache hier die kulinarische Kultur, also der präziseste Gradmesser der Lebenslust, gewaltige Fortschritte. Ausgerechnet hier?

          Die Datteln sind süß, weil sie leiden mussten

          Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra. So steht es in der Bibel, und genauso sieht es hier immer noch aus: Alles Leben scheint weggeätzt zu sein, als habe der wutentbrannte Schöpfer für alle Zeiten sicherstellen wollen, dass in diesem Land nie wieder auch nur ein Grashalm wächst. Er hat jedoch nicht mit dem Einfallsreichtum seines auserwählten Volkes gerechnet. Und so blickt Lots Weib heute auf fünfzehntausend Dattelpalmen, die ein eifriger Bauer in die Ödnis gepflanzt hat, ein drahtiges Hutzelmännchen mit struppigem Schnurrbart, der nahöstliche Geschichte studiert hat, sich aber in der Unwirtlichkeit der Wüste viel wohler fühlt als im Staub der Studierstube, um als entfernter Verwandter des Zauberers von Oz Sand und Stein zum Blühen zu bringen. Der Mensch, sagt er mit alttestamentarischem Zungenschlag, wen wundert's bei dieser Nachbarschaft, sei wie ein Samenkorn. Vom Wind werde er fortgetragen, doch irgendwann finde er seinen Platz. Und seiner sei genau hier, bei seinen geliebten Datteln am Ufer des Toten Meeres, den süßesten ganz Israels. Warum sind sie nur so süß? Weil sie so sehr leiden müssten, dass sie fast krepierten, bevor sie zu voller Pracht gelangten.

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