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Finanzkonzern : Dexia wird zerschlagen

  • -Aktualisiert am
Der Dexia-Konzern steht vor einer radikalen Veränderung
          3 Min.

          Das staatliche Rettungskonzept für den angeschlagenen belgisch-französischen Bankkonzern Dexia hat weiter Gestalt angenommen. Es läuft darauf hinaus, die seit 1996 zum Konzern zählenden belgischen und französischen Standbeine voneinander zu trennen, rentable Konzernteile wie die türkische Tochtergesellschaft Denizbank zu verkaufen, sowie risikobehaftete Papiere des Konzerns in eine Abwicklungsanstalt (Bad Bank) auszulagern. In Brüssel rief die Europäische Kommission die Regierungen Frankreichs, Belgiens sowie des ebenfalls an Dexia beteiligten Großherzogtums Luxemburg zu einem koordinierten Vorgehen auf. „Jegliche neue Staatshilfe muss natürlich bei der Kommission angemeldet und von ihr genehmigt werden“, sagte eine Kommissionssprecherin.

          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit einer Bilanzsumme von 520 Milliarden Euro gehört Dexia zu den als systemrelevant geltenden Bank in Europa. Rund die Hälfte der Bilanzsumme wird von anderen Banken und Fonds refinanziert, weniger als ein Viertel durch Privatkundeneinlagen. Eine Insolvenz der Dexia gilt als keine echte Option, weil der Bankkonzern weitere Finanzakteure mit in den Abgrund reißen und damit das Finanzsystem insgesamt gefährden könnte. Auch Kommunen und andere Gebietskörperschaften, die Dexia vorrangig finanziert, könnten in Schwierigkeiten geraten.

          Auf einer Sondersitzung am Dienstag Abend hat sich daher die belgische Regierungsspitze wie erwartet auf ein Rettungskonzept verständigt. Als riskant eingestufte Wertpapiere in einem Umfang von knapp 100 Milliarden Euro werden in eine Bad Bank ausgelagert und durch staatliche Garantien abgesichert. Schon 2008, bei Ausbruch der ersten Finanzkrise, hatten Belgien, Frankreich und Luxemburg eine Kapitelerhöhung um 6,4 Milliarden Euro vorgenommen und Bürgschaften in einer Gesamthöhe von 150 Milliarden Euro bewilligt; 90 Milliarden Euro entfielen davon auf Belgien. Der belgische Finanzminister Didier Reynders sagte lediglich, die Garantie seines Landes werde jetzt niedriger als 2008 ausfallen. Trotz EU-Auflagen zur Kompensation der ersten Staatshilfe aber ist die Bilanzsumme von Dexia seither lediglich um 20 Prozent auf 520 Milliarden Euro geschrumpft. Damit ist Dexia größer als die LBBW, die als größte deutsche Landesbank inzwischen weniger als 400 Milliarden Euro Bilanzsumme hat.

          Offen ist nun, was mit Dexias wirtschaftlich gesunden Standbeinen, dem Privatkundengeschäft in Belgien und Luxemburg, geschehen soll. Im Gespräch ist eine vollständige Verstaatlichung des belgischen Geschäfts. Als möglicher privater Anwärter wird in Brüssel vor allem die spanische Großbank Banco Santander genannt. Am Donnerstag bezeichnete der belgische Regierungschef Yves Leterme die Einlagen der heimischen Kunden als sicher. Dem Radiosender RTL sagte er, die Garantie gehe über die bestehende Sicherung von 100.000 Euro hinaus.

          In Paris bezeichnete am Mittwoch der französische Finanzminister François Baroin die Übernahme der für die Finanzierung der französischen Gebietskörperschaften zuständigen Dexia-Geschäftssparte durch die staatliche Banque Postale sowie die Caisse des Dépôts et Consignations (CDC), die zuletzt 17,6 Prozent der Dexia-Anteile hielt, als „ernsthafteste Spur“.

          Er rechne damit, dass an diesem Donnerstag eine Lösung gefunden werde, sagte Baroin. Dexia befindet sich zu rund 45 Prozent im Besitz der belgischen und zu 25 Eigentum der französischen öffentlichen Hand; Vorstandsvorsitzender ist seit 2008 Pierre Mariani, ein enger Vertrauter des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy.

          Noch im Sommer hatte Dexia den europäischen Bankenstress glatt bestanden; zuletzt hatte die Kernkapitalquote im Branchenvergleich gute 11,4 Prozent erreicht. Doch Dexia wies im zweiten Quartal einen Verlust von rund 4 Milliarden Euro aus. Um die Bilanz von 520 Milliarden Euro zu refinanzieren, hatte Dexia am Ende des ersten Quartals 150 Milliarden Euro langfristige Verbindlichkeiten am Kapitalmarkt und darüber hinaus 100 Milliarden kurzfristige Schuldverschreibungen aufgenommen. Nur 110 Milliarden Euro stammten von Privatkundeneinlagen. Damit ähnelt Dexia den deutschen Landesbanken, die auch häufig über wenige Privatkunden verfügen und damit stark abhängig von einer Finanzierung über die Kapitalmärkte sind.

          Wegen des wachsenden Misstrauens der Banken untereinander tat sich Dexia zuletzt zunehmend schwer, an Mittel für die Finanzierung der Gebietskörperschaften heranzukommen. Auch die Abhängigkeit von Staatsanleihen der Euro-Sorgenkinder Griechenland, Portugal, Irland, Spanien und Italien von insgesamt rund 21 Milliarden Euro lastet auf dem Konzern. Die Anleger sind misstrauisch, weil Dexia noch Wertberichtigungsbedarf auf griechische Staatsanleihen haben dürfte, die am Ende des zweiten Quartals mit 4 Milliarden Euro in der Bilanz standen.

          Denn der Konzern hat bisher nur auf rund die Hälfte seiner griechischen Staatsanleihen eine Abschreibung von lediglich 21 Prozent vorgenommen. Dabei handelt es sich um die bis 2020 fällig werdenden Papiere. Hier sollen private Gläubiger bei der Umschuldung Griechenlands einen Forderungsverzicht von 21 Prozent leisten. Der Marktwert der Papiere indes liegt derzeit deutlich tiefer. Auch die Deutsche Bank hatte wie Dexia im zweiten Quartal ihren Bestand an griechischen Staatsanleihen lediglich um 21 Prozent und damit 155 Millionen Euro korrigiert. Im dritten Quartal kostet die nun fällige Abschreibung auf den niedrigeren Marktwert die Deutsche Bank weitere 250 Millionen Euro. Schriebe auch Dexia, wie zumindest deutsche Wirtschaftsprüfer es verlangen, die griechischen Staatsanleihen auf ihren Marktwert ab, entstünde der Bank im dritten Quartal somit allein für Griechenland ein Wertberichtigungsbedarf von rund 800 Millionen Euro.

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