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Sierra Leones Präsident : Spät reagiert

Unter Druck: Ernest Bai Koroma Bild: AFP

Sierra Leones Präsident Ernest Bai Koroma, der einige Familienmitglieder in Staatsämter plaziert hat, steht unzähligen Korruptionsfällen gegenüber. Nun ist in seinem Land Ebola ausgebrochen.

          Sierra Leone ist am stärksten von der Ebola-Epidemie betroffen. Sein Präsident reagierte spät, dafür umso öffentlichkeitswirksamer. Ernest Bai Koroma hat den Notstand ausgerufen und öffentliche Versammlungen verboten. Die Streitkräfte ließ er ausrücken, um die Herde der Seuche vor allem im Osten des Landes unter Quarantäne zu stellen - nach vielen, zu vielen Tagen, in denen sich das Virus längst weiter ausbreiten konnte. Im Gegensatz etwa zum Präsidenten des Nachbarlandes Guinea, Alpha Condé, sagte Koroma seine Reise zum Amerika-Afrika-Gipfel in Washington kommende Woche ab, auch, um am Ebola-Krisengipfel in Conakry teilnehmen zu können.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Ebenfalls will die Regierung ihre Aufklärungskampagnen zum Umgang mit Seuchen verstärken. Dies ist auch bitter nötig. In der Stadt Kenema im Osten kam es vor einigen Tagen zu Zusammenstößen mit Sicherheitskräften, nachdem Gerüchte die Runde machten, das Virus sei eine Erfindung, um Menschen in die Spitäler zu treiben, um dort an ihnen „kannibalistische Rituale“ zu vollziehen.

          Der Osten Sierra Leones wird von der Regierung seit Jahrzehnten vernachlässigt. Politiker aus der Nordwestregion sind in Freetown überrepräsentiert. Auch der Präsident ist ein Temne aus der Gegend. Dies alles hat das Vertrauen der Bevölkerung aus dem Osten in Institutionen wie die der Gesundheitsfürsorge nicht eben befördert. Hilfe wird dort oftmals bei traditionellen Heilern und Quacksalbern gesucht.

          Ein Jahrzehnt des Bürgerkriegs hatte aus dem ohnehin brüchigen Land einen Scherbenhaufen gemacht. Nach seiner Amtsübernahme 2007 rief sich der frühere Oppositionsführer Koroma zum „Business-Präsidenten“ aus und versprach rasche Entwicklung. Von Weltbank und westlichen Regierungen erhielt der Ökonom viel Geld vor allem für Energie- und Infrastrukturprojekte, für eine renovierte Hauptstadt und einen neuen Flughafen. Bislang ist davon wenig bis nichts zu sehen. Ganz zu schweigen von den ländlichen Regionen, die dem Verfall näher sind als der Umsetzung eines jeden Reformversprechens.

          Koroma, der einige Familienmitglieder in hohe Staatsämter plaziert hat, steht unzähligen Korruptionsfällen in der eigenen Regierung gegenüber. Im Juni entließ der zweifache Familienvater seinen Stabschef und früheren Handelsminister, weil der bei Rohstoffgeschäften in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte. Auch vor dem Gesundheitswesen macht Korruption nicht halt. Im vergangenen Jahr wurde der ranghöchste Arzt im Gesundheitsministerium zusammen mit 23 weiteren Beamten beschuldigt, eine halbe Million Dollar veruntreut zu haben, die eigentlich für die Verteilung von Impfstoffen vorgesehen waren. Der 60 Jahre alte Koroma, der nach zwei Amtsperioden kein weiteres Mal antreten darf, strebt offenbar dennoch eine dritte Amtszeit an. Ein von ihm selbst eingesetzter Ausschuss soll eine Verfassungsreform ausarbeiten und Ergebnisse noch vor der kommenden Präsidentenwahl vorlegen. Koromas Umgang mit der Epidemie wird Teil des Vorwahlkampfs.

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