https://www.faz.net/-1v0-7kyn3

Selbständigkeit : Gegenwind für Gründer

  • -Aktualisiert am

Wie war das noch gleich mit der Umsatzsteuervoranmeldung? Bild: dpa

Wer seinen Arbeitsplatz verliert oder sich beruflich verändern möchte, will oft sein eigener Chef werden. Doch Vorsicht: Selbständig sein ist schwerer als gedacht.

          5 Min.

          Die Idee ist gut! Das wurde Loretta Scholz-Giurco bislang noch von jedem bescheinigt - auch von dem Wirtschaftsberater, an den sie sich Anfang des Jahres wandte, als sie sich entschloss, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen.

          Schon lange hatte sich die Bremerin mit dem Thema Demenz beschäftigt, hatte selbst Demenzkranke betreut und mit vielen Experten gesprochen. Sie arbeitete ein umfassendes Konzept aus und einen kompletten Finanzierungsplan, mit denen sie „contra demenz“ schließlich aus der Taufe hob: ein Seminarangebot zur Vorbeugung von Demenzerkrankungen, durchgeführt an der Algarve.

          Kein Kredit weit und breit

          So reibungslos wie gedacht, lief es dann allerdings nicht. Der vom Wirtschaftberater als sicher avisierte Kredit der KfW-Bank blieb aus, weil die Betriebsstätte im Ausland liegt. Egal bei welchem Förderinstitut sie anfragte, irgendetwas passte immer nicht. Selbst reine Bankkredite wurden ihr verwehrt. Keine hinreichenden Sicherheiten, ein Mann, der ebenfalls selbständig ist - da ist nichts zu machen. „Nie hätte ich gedacht, dass Existenzgründern in Deutschland solche Felsbrocken in den Weg gelegt werden“, sagt die Bremerin heute.

          Andreas Lutz wundert das nicht. „Gründer und kleine Selbständige haben es extrem schwer in Deutschland.“ Aus diesem Grund hob Lutz, selbst selbständig, vor gut einem Jahr eine eigene Plattform aus der Taufe, den Verband der Gründer und Selbstständigen e.V. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, dieser Zielgruppe eine Lobby zu beschaffen. Bislang, klagt Lutz, herrsche in Deutschland ein verzerrtes Bild über Selbständigkeit. „Da sind auf der einen Seite die Großunternehmer mit ihren dicken Mercedessen und auf der anderen die kleinen Krattler.“ Die Probleme der etwa vier Millionen Betroffenen dazwischen, darunter freiberufliche Einzelkämpfer wie Dolmetscher, Fotografen oder Architekten, aber auch kleine Handwerksbetriebe oder andere Kleinunternehmern mit bis zu zehn Mitarbeitern, würden dagegen schlicht übersehen.

          Viele kleine Missstände

          Der Forderungskatalog, den Lutz an Politik und Gesellschaft stellt, ist lang. Er fängt an bei besserer Gründungsförderung - denn die sei in den vergangenen Jahren deutlich heruntergefahren worden -, reicht über eine bezahlbare Sozialversicherung und hört bei zu vielen kleinen Problemen im Steuerrecht und in der Behandlung durch das Finanzamt noch nicht auf. Auch Finanzinstitute tragen seiner Ansicht nach einen Teil der Verantwortung für das Dilemma. Gründungskredite seien nur sehr schwer und bürokratisch zu bekommen, Dispokredite, manchmal überlebenswichtig, fast gar nicht.

          Wie die Ansammlung kleiner Missstände zum großen Problem werden kann, zeigt das Beispiel von Peter Weiler, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Als freiberuflicher Grafiker hat er stark schwankende Einnahmen. Dies führte vor zwei Jahren dazu, dass eine Nachforderung vom Finanzamt just in dem Jahr kam, in dem einer seiner größten Auftraggeber Insolvenz anmelden musste. Ausstehende Honorare bekam er nicht mehr, neue Auftraggeber fand er nicht so kurzfristig, dass er die Summe aufbringen konnte. Grundsätzlich habe er die grundsätzliche Rechtmäßigkeit der Steuerforderung keineswegs angezweifelt. „Ich wollte selbstverständlich zahlen, bat aber um Aufschub, bis ein paar Monate später eine alte Pensionszusage zur Auszahlung gekommen wäre.“

          Doch das Finanzamt wollte nicht warten, es forderte Weiler auf, einen Kredit aufzunehmen. Dies hätte er liebend gerne getan, stieß aber auf die gleichen Vorbehalte wie Scholz-Giurco: keine Sicherheiten, kein Kredit. Jetzt drohte das Finanzamt mit Pfändung. Für den Grafiker war das der GAU. „Habe ich erst einmal eine Kontopfändung, ist der Dispo weg - und damit die Selbständigkeit auch. Dann kann ich Hartz IV beantragen.“

          Weiler hatte Glück im Unglück, am Ende half eine Freundin aus. Inzwischen zahlt der Nürnberger wieder genauso regelmäßig seine Steuern wie auch die 15 Jahre zuvor. Was ihn jedoch bis heute ärgert: „Egal mit wem ich bei Banken oder beim Finanzamt sprach - überall sprang mir unverhohlenes Misstrauen entgegen. Ernsthaft mit meiner Situation auseinandergesetzt hat sich keiner.“

          Topmeldungen

          Das Ministerium will per Verordnung Reisen beschränken können.

          Dauerhaft Sonderrechte : Mehr Macht für Spahns Ministerium?

          Das Bundesgesundheitsministerium will sich mehr Einfluss sichern, auch über Corona hinaus. In fast allen Parteien herrscht deswegen Skepsis, vielfach wird Spahn sogar offen kritisiert. Bayerns Ministerpräsident gibt ihm Rückendeckung.

          Impfen gegen Corona : „Das wird noch einige Jahre dauern, fürchte ich“

          Bis zu 1,4 Milliarden Impfdosen will Biontec bis Ende 2021 herstellen. Aber wie lange dauert es, bis die Menschheit geimpft ist? Aufsichtsratschef Helmut Jeggle spricht im Interview über den Corona-Impfstoff seiner Firma und den Hype, den dieser an der Börse ausgelöst hat.
          Der größte kollektive Wert, den Städte in Zukunft produzieren, sind Daten, sagt Francesca Bria. Sie sind Milliarden wert; wer sie besitzt, regiert.

          Francesca Bria im Interview : Holt euch eure Daten zurück!

          Francesca Bria gehört zu den wichtigsten Vordenkerinnen des Digitalzeitalters. Sie berät die Europäische Union und die Vereinten Nationen. Hier stellt sie ihren Plan für eine neue Stadt- und Gesellschaftspolitik vor.