https://www.faz.net/-1v0-7przu

Seelenmasseur im sozialen Netz : Grässlich große Gefühle

Bild: ddp

Depri drauf? Muss nicht sein. Nicht im sozialen Netz.. Psychotherapie auf Facebook ist ein australisches Projekt, das mit den besten Absichten antritt. Der virtuelle Seelenmasseur will genau wissen, wie man emotionalen Dreck sammelt und daraus Gold macht - mathematisch genau.

          2 Min.

          Mein Facebook-Konto ist schon alt, genau genommen ist es mittlerweile ein optischer und semantischer Trümmerhaufen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn man sich nicht auch genauso fühlen würde. Phasenweise wenigstens. Wenn schon hoffnungsvoll gepostete Frühlingsfotos nicht mehr das beklemmende Gefühl zu korrigieren vermögen und die Überzeugung, dass die nächste Blüte des Informationszeitalters überall stattfindet, nur nicht im eigenen sozialen Biotop, dann sollte man wohl über Nutzen und Aufwand neu nachdenken. So entstehen also interaktive Wüsten. Vielleicht trifft es allerdings der Begriff soziales Klärbecken besser. Denn irgendwie kommt es mir so vor, als landete inzwischen jeder emotionale Unrat auf meiner Seite.

          Das sind nicht nur negative Gefühle, weiß Gott. Und man müsste den Freunden eigentlich dankbar sein, die ihre Motivation aus der Dauerbespassung des virtuellen Milieus beziehen und so nicht unbeträchtlichen Anteil an der positiven Ausgestaltung des Gefühlslebens anderer Menschen haben. Meine Hochachtung haben sie. Aber die Folgen dieser Entwicklung haben sie natürlich nicht bedacht. Denn dass die emotionale Katalyse nicht nur Freunde mobilisiert, sondern das Netzwerk irgendwann als Ganzes zu einem psychotherapeutischen Tummelplatz mit beträchtlichem Entwicklungs- und also auch Profitpotential macht, das wollte anfangs sicher keiner wahrhaben. Das ändert sich gerade.

          Ein Psychoroboter  ohne Garantie

          Rafael Calvo von der University of Sydney lotet, ausgestattet mit beträchtlichen Drittmitteln, das empathische Potential von Facebook aus. Er entwickelt zusammen mit Informatikern und Seeleningenieuren ein „automatisiertes psychologisches Interventionswerkzeug“ aus, das die depressiven Neigungen der Netzwerkteilnehmer in deren Beiträgen nicht nur erkennen, sondern diese auch zu „prosozialem Verhalten“ verändern soll. Aus der Analyse sehr persönlicher Daten und Sprache bastelt der digitale Streetworker ein einfühlungskompetentes Online-Therapie-Tool. Technologisch gesprochen, geht es um die Neutralisierung destruktiver, leistungsmindernder Hirnschaltkreise - vielleicht sogar um solche, die unter Umständen die Suizidneigung des Users senken. Was könnte sinnvoller sein? Internet repariert Hirn. Ein Netz pflegt das andere. Oder anders gesagt: Der emotionale Müll wird zu neuronalem Gold gemacht. Ein Schelm, der nun hinter der psychologischen Innovation ein neues Geschäftsmodell für Cybergurus vermutet. Wenn wir allerdings ausschließlich den wissenschaftlichen Kern des Unternehmens betrachten, dann kommen wir zumindest an der Qualitätsfrage nicht vorbei.

          Wie könnte ich dem Algorithmus beispielsweise zu verstehen geben, dass ich meine rosa Unterhosen tatsächlich nur geträumt habe, die mir gestern den Verstand geraubt und meine Freunde zu schamlosen Witzen hingerissen haben? Man mag sich die zweifelhafte Anzeigenkampagne gar nicht ausmalen, die auf die therapeutische Intervention des Psychoroboters folgt. Rushhour im emotionalen Klärbecken. Nein, danke, mein Facebook erfährt nichts. Oder wird mein Schweigen auch schon wieder gegen mich verwendet?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Fernsehduell vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: Ministerpräsidentin Malu Dreyer (links), SWR-Chef Fritz Frey und CDU-Spitzenkandidat Christian Baldauf

          Dreyer und Baldauf im TV-Duell : Ziemlich bissige Kandidaten

          In rund einer Woche wählt Rheinland-Pfalz. Im Fernsehduell bringt Ministerpräsidentin Dreyer den CDU-Spitzenkandidaten Baldauf kurz in Erklärungsnot. Die Bilanz ihrer Regierung ist allerdings auch nicht perfekt.