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: Schwarz und Grün tauschen Höflichkeiten aus

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WIESBADEN, 6. April. Schon seit Tagen freute sich Dirk Metz auf die Rede seines Chefs. Zum ersten Mal werde ein Schalker Fußballer Gegenstand der Erklärung eines hessischen Ministerpräsidenten sein, verbreitete er vorab.

          WIESBADEN, 6. April. Schon seit Tagen freute sich Dirk Metz auf die Rede seines Chefs. Zum ersten Mal werde ein Schalker Fußballer Gegenstand der Erklärung eines hessischen Ministerpräsidenten sein, verbreitete er vorab. Der hessische Regierungssprecher und Schalke-Fan hatte ein Zitat des legendären Vorstoppers Rolf Rüssmann in die Erklärung Kochs zur konstituierenden Sitzung des Hessischen Landtags am Samstag eingeschleust. Koch, der per Verfassung zum geschäftsführenden Ministerpräsidenten degradiert worden war, warnte die Mehrheit aus SPD, Grünen und Linkspartei davor, ihre Macht "in der Stunde des Parlaments" zu missbrauchen und seine geschäftsführende Regierung zu "piesacken" oder vor sich "herzutreiben". Ein solches Verhalten erinnere ihn an die Worte des früheren Nationalspielers Rüssmann: "Wenn wir hier nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt."

          Doch dieser Appell war schon einer der wenigen Wortbeiträge, die an diesem Tag im neuen Plenarsaal erahnen ließen, was die unklaren Mehrheiten in den nächsten Monaten an Streit und Chaos mit sich bringen könnten. An diesem Tag hatten sich alle fünf Fraktionen harmonisches Verhalten und viele kleine Gesten des guten Willens verordnet. Das fing schon mit den Papierherzen in den Farben der jeweiligen Parteien an, die jeder Abgeordnete auf seinem Platz vorfand. Auch die mit Goldstift geschriebene persönliche Widmung auf jedem Herzchen sollte den 110 Abgeordneten den Start in die schwierige 17. Legislaturperiode erleichtern: "Mit Herz und Verstand. Ihr Horst Klee". Dem 67 Jahre alten CDU-Abgeordneten aus Wiesbaden, der als Alterspräsident die Sitzung eröffnen durfte, war es ein Herzensanliegen, für einen neuen Stil im parlamentarischen und menschlichen Umgang miteinander zu werben. Klee ging es auch in seiner mit viel Gefühl gehaltenen Eröffnungsrede darum, die durch "Verwerfungen und Verletzungen" der politischen Akteure beider Seiten in den vergangenen entstandenen Blockaden aufzulösen, die der Bildung einer "voll handlungsfähigen Regierung" entgegenstehen.

          Mit den Herzen in der Hand ließen sich dann auch die Vorsitzenden der fünf Fraktionen CDU, SPD, FDP, Grüne und Linkspartei in jeweils unterschiedlichen politischen Farbkombinationen von den zahlreichen Fotografen und Kamerateams minutenlang ablichten. Als Kochs SPD-Herausforderin Andrea Ypsilanti und der Grünen-Fraktionsvorsitzende Tarek Al-Wazir trotz des gescheiterten Anlaufs optisch weiter ihre Präferenz für ein rot-grünes Bündnis demonstrierten, eilte der Linken-Fraktionschef Willi van Ooyen herbei, um sich mit seinem tiefroten Herz zwischen beide zu drängeln. Doch Al-Wazir schien diese ungebetene Gesellschaft der Linken zumindest an diesem Tag unangenehm. Er drehte sich einfach weg.

          Weit netter als zu van Ooyen verhielt sich der Grüne zu seinem früheren politischen Intimfeind. Locker plauderte Al-Wazir mit Koch, dem er noch im Wahlkampf wegen dessen Kampagne gegen "kriminelle junge Ausländer" bei einer Podiumsdiskussion den Handschlag verweigert hatte. Nun war es Koch, der mit Komplimenten über die hellrote Krawatte Al-Wazirs, die dieser ausnahmsweise an diesem Tag umgebunden hatte, die Schärfe des Wahlkampfs überwinden half.

          In einer politischen Charmeoffensive, die viele ihm gar nicht zugetraut hätten, war Koch schon seit Tagen geschmeidig auf seinen einstigen härtesten Widersacher zugegangen. In Rekordzeit war der oberste hessische Grüne wegen der verpassten bürgerlichen Mehrheit bei der CDU vom willfährigen Helfer der "Kommunisten" zum Wunschpartner einer Jamaika-Koalition mutiert. Fast nach mehr Gemeinsamkeiten als mit der FDP hörte sich die Aufzählung der schwarz-grünen Schnittmengen in der Schul- und Energiepolitik an, die Koch und andere führende CDU-Politiker seit Wochen verkündeten.

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