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Christen in China : Tätscheln ist etwas anderes als segnen

  • -Aktualisiert am

Nachwuchs bei einem katholischen Gottesdienst in Maotuan, einem Dorf der nordwestlichen Provinz Shaanxi. Bild: Imago

Die größte verfolgte Minderheit Chinas gibt es für die Partei gar nicht: In seinem Buch „Gott ist rot“ erzählt der heute in Berlin lebende chinesische Schriftsteller Liao Yiwu von Christen in China.

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          Die Geschichte des modernen China ist Liao Yiwu auf den Leib geschrieben. 1958 in die große Hungersnot hineingeboren, sein Vater ein „Gegenrevolutionär“, und dennoch brachte Liao es zum „Staatsschriftsteller“. Bis er am Tag der Niederschlagung der Studentenproteste am Tiananmen-Platz das Gedicht „Massaker“ verfasste. Das kostete ihn alles, was er bis dahin erreicht hatte. Es folgten vier Jahre Haft, schwere Misshandlungen, zwei Selbstmordversuche. Nach der Entlassung schlug er sich als Straßenmusiker durch, nahm auf seinen Reisen Interviews auf, ein „nicht sonderlich anständiger“ Autor, „vom Bodensatz der Gesellschaft“ im Gespräch mit Tagelöhnern, Herumtreibern, Süchtigen, Bettlern, Prostituierten, Menschen, mit denen er „ganz natürlich“ zu tun hatte.

          Einige dieser Texte konnte er in „bereinigter“ Form in China veröffentlichen. Das Buch wurde kurz bejubelt, schnell verboten und erschien 2009 auf Deutsch als „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten“. Als Liaos Gefängnisbericht „Ein Lied und hundert Lieder“ 2011 in Deutschland erscheinen sollte, stand er vor der Wahl, die Publikation abzusagen oder erneut verhaftet zu werden. Die Ausreise wurde ihm verweigert, also watete er mit seiner Flöte und den Aufnahmen von dreihundert Interviews im Rucksack durch den Grenzfluss nach Vietnam. Heute lebt er in Berlin.

          Ein „halbes Leben und alle Leidenschaft“ habe er solchen Geschichten gewidmet, erzählt Liao im Vorwort zu „Gott ist rot“. Liu Xiaobo, der seit 2009 inhaftierte Nobelpreisträger, hatte ihn angespornt, „mit den toten Seelen zu tanzen“. Aber dieser Tanz sei für ihn „traurig“ und „hoffnungslos“ geblieben. Er trank, gelegentlich auch mit den Polizisten in Zivil, die ihn kontinuierlich überwachten. Trank, bis er irgendwann aus dem ersten Stock eines Hauses fiel.

          Freies Christentum als Bedrohung

          Dann war die Zeit gekommen, „der alte Gott konnte nicht mehr mitansehen wie ich immer weiter verkam, und schickte mir einen christlichen Arzt“. Dr. Sun hatte nach der Taufe seine Führungsposition in einem staatlichen Krankenhaus aufgegeben. „War der Glaube ein Hindernis?“, fragte Liao. Suns Antwort: „Das einfache Gewissen.“ Und weiter: „Das Wesen der Bibel ist Ehrfurcht, ist Liebe, und in China fehlte all das“, denn „für den kleinsten persönlichen Vorteil war man bereit, alles zu tun“. Niemand hätte ihn gezwungen, zum „Wandermönch“ zu werden, das habe sich so ergeben. „Mein Vorbild ist Mutter Teresa.“ Mit deren Biographie im Gepäck brachte er seither medizinische Hilfe dorthin, wo es keine Krankenhäuser gab.

          Liao schloss sich dem Arzt an und reiste mit ihm in entlegene Bergdörfer von Yunnan. Vor hundertfünfzig Jahren hatten Missionare das Christentum dorthin gebracht, von woher war bald vergessen. Der Glaube wurde in vielen Familien allen Widrigkeiten zum Trotz über Generationen bewahrt. Die Gespräche, die Liao hier führte, bezeugen Zyklen von Schikanen, von der kommunistischen Machtübernahme über die Kulturrevolution bis zum heutigen China, in dem unkontrollierte Religiosität immer noch als Bedrohung für die „harmonische Gesellschaft“ gilt.

          Die Litanei der Schikanen

          In den ersten Jahren unter Mao war es oft der Grad von Bereitschaft zur Kollaboration, der über das Schicksal eines Christen entschied. Die Kulturrevolution hingegen machte kaum Unterschiede. Zwei der Christen berichten von monatelanger Isolationshaft in fensterlosen „Meterzellen“, Gruften von zwei Quadratmetern, ohne sich waschen zu können oder aufrecht zu stehen. Ein Sohn beschreibt seinen Vater, der Gemeindevorsteher war, verfilzt und von Läusen zerfressen, ohne Muskeln an den Unterschenkeln, nur gestützt des Gehens fähig und nahezu erblindet.

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