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Schottland : Das Tweed-Komplott

Erfolgreich: Die Wolle der Schafe von Harris und Lewis erfreut sich wieder größerer Nachfrage Bild: Maike Neuendorff

Wie ein Textilbaron aus Yorkshire den schottischen Harris Tweed erobern wollte - und damit eine ganze Insel gegen sich aufbrachte.

          8 Min.

          Eigentlich wollte er sich damals vor fünf Jahren nur aus alter Gewohnheit ein paar Herrensakkos anschauen. Sein Stiefsohn, der ebenfalls in der Textilbranche arbeitete, hatte ihn gefragt, ob er sich für die neue Kollektion interessiere. Keine große Sache. Aber dann fiel sein Blick auf dieses eine Sakko. Er schlüpfte hinein, er schaute in den Spiegel, es passte ihm wie angegossen. "Das ist eine verdammt schöne Jacke", sagte Brian Haggas, und das Schicksal nahm seinen Lauf.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Jackett war aus Harris Tweed, jenem festen und wärmenden Wollstoff aus Schottland, handgewebt auf der Hebrideninsel Harris and Lewis. Bis heute überlebt dort, am äußersten nordwestlichen Zipfel des Vereinigten Königreichs, eine Mini-Branche, so schrullig wie aus dem Industriemuseum und so langlebig wie der Tweed selbst. Der Stoff ist weltbekannt, und natürlich kannte auch Brian Haggas den Harris Tweed. Schließlich war er über ein halbes Jahrhundert lang Textilunternehmer gewesen. Aber bis dahin hatte ihn dieses Material nie besonders interessiert. Jetzt schon. "Zuerst war ich fasziniert, dann begann ich mich zu erkundigen", erinnert sich der Unternehmer - und dann hatte er einen Einfall - einen Einfall, der dem traditionsreichen Harris Tweed um ein Haar den Garaus gemacht hätte. Aber am Ende und ganz anders, als von Brian Haggas geplant, hat er ihr zu einer neuen Blüte verholfen.

          Erfolglos: Brian Haggas wollte ein Monopol auf Harris Tweed

          Haggas ist 80 Jahre alt und rauh wie Schmirgelpapier. Er sagt Sätze wie: "Den meisten Leuten ist es ziemlich wichtig, was andere von ihnen denken, mich hat das immer einen Dreck geschert." An Ruhestand verschwendet er keinen Gedanken. Haggas ist ein zäher Alter - hager, braungebrannt und mit energischem Kinn. Zum nachtblauen Anzug trägt er vanillefarbene Socken und eine ebensolche Krawatte. Der Gang ist ein bisschen schleppend, der Geist hellwach. Er ist ein sprühender Erzähler.

          Harris and Lewis, das ist eine Insel mit zwei Namen: Die Südhälfte heißt Harris, die Nordhälfte Lewis, dazwischen liegt ein Gebirge. "Einer der erbärmlichsten Orte der Welt", sagt Haggas. Er grinst. Auf Harris and Lewis wächst kaum ein Baum, und die Regenwolken, die der Westwind tagein, tagaus über die Insel hinwegschiebt, hängen so niedrig, dass sie fast an die Giebel der Häuser zu stoßen scheinen. Rund 20 000 Menschen und deutlich mehr Schafe leben hier - und viele davon leben vom Harris Tweed.

          Was Brian Haggas mit diesem Harris Tweed vorhatte, war ziemlich kaltschnäuzig - obwohl seine Idee zunächst brillant zu sein schien: Er wollte der Einzige sein, der Jacketts aus diesem Tuch herstellte. Haggas wollte ein weltweites Monopol. Bis dahin produzierten die Spinnereien und Weber auf der Insel nur den Tweed und verkauften ihn an Dutzende von Herrenbekleidungsherstellern auf der ganzen Welt. Haggas wollte den Kunden keinen Stoff mehr liefern. Warum die Sakkos nicht lieber selber schneidern?

          Etikett auf einem Herren-Jackett

          Alles, was er dafür tun musste, war, ein paar heruntergewirtschaftete Spinnereien auf dieser entlegenen schottischen Insel zusammenzukaufen, denn der Harris Tweed genießt Herkunftsschutz wie das Frankfurter Würstchen, Cognac und Champagner. Die Regeln sind streng: Der Stoff muss auf den Äußeren Hebriden in Handarbeit aus reiner Schafwolle gewebt werden. Wer die Spinnereien auf der Insel kontrolliert, der beherrscht deshalb auch den Harris Tweed.

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