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Sammlung Essl : Bilder für BauMax

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Eine ziemlich romantische Angelegenheit sind Gerhard Richters abendliche „Wolken“ aus dem Jahr 1970. Für das fotorealistische Hauptwerk werden 5 bis 7 Millionen Pfund erwartet. Bild: Christie's

Der österreichische Unternehmer Karlheinz Essl versteigert die Sahnestücke seiner Zeitgenossen-Sammlung in London, um seine Firma zu retten. Für mindestens vierzig Millionen Pfund.

          Die Experten kamen und zogen mit gefüllter Schatzkiste wieder ab: Wenn am 13. Oktober bei Christie’s in London der single owner sale „Essl: 44 Werke“ stattfindet, dann verliert die in Klosterneuburg bei Wien gelegene Privatsammlung viele ihrer Kronjuwelen. Unter den Hammer kommen zum Beispiel zwei große Arbeiten von Gerhard Richter, das vierteilige Gemälde „Wolken (Fenster)“ von 1970 und die prächtige Abstraktion „Netz“ von 1985, Selbstporträts von Georg Baselitz und Martin Kippenberger sowie mit gleich sechs Arbeiten von Sigmar Polke der größte Schwung, der von dem zeitgleich mit einer Schau in der Tate Modern gewürdigten Maler je in einer Auktion angeboten wurde.

          Das Sammlerpaar Agnes und Karlheinz Essl

          Die mit einem Gesamtwert von vierzig bis sechzig Millionen Pfund angekündigte Auktion - für die Christie’s auch eine Garantie erteilt hat - wurde durch die Finanznöte des in die Krise geratenen Konzerns BauMax erforderlich. Bereits im März hatte Karlheinz Essl seine Kunstsammlung dem österreichischen Staat zum Kauf angeboten. Während der Sammler damals von „Kulturgut“ sprach, dass es ebenso zu retten gelte wie viertausend gefährdete Arbeitsplätze, kochte in der Wiener Kunstszene eine Diskussion über die Qualität der Kollektion hoch. Sogar die maßgeblichen Museumsdirektoren distanzierten sich von dem Ankauf der 4900 Werke, für die ein Buchwert von 86 Millionen Euro kursierte.

          Martin Kippenbergers unbetiteltes Gemälde von 1992 aus der Serie der handgemalten Bilder, 240 mal 200 Zentimeter, ging zur unteren Taxe von 2,5 Millionen weg.

          Als der österreichische Kulturminister Josef Ostermayer nach Verhandlungen mit Essl und den Banken bekanntgab, dass die Republik vom Ankauf der Sammlung absieht, brodelte die Gerüchteküche über die Liquidierung von Essls Lebenswerk abermals hoch. Experten des Dorotheums, von Sotheby’s und von Christie’s waren schon länger mit der Schätzung beauftragt, während der fünfundsiebzigjährige Baumax-Chef unermüdlich nach einer anderen Lösung suchte. Anfang September fand er kurzfristig und für die Öffentlichkeit überraschend doch noch einen Verbündeten zur Abwehr der endgültigen Zerschlagung: Der Tiroler Baulöwe Hans Peter Haselsteiner kaufte sich Anfang September mit „über hundert Millionen Euro“ - kolportiert werden 118 Millionen - in die Sammlung ein.

          Hans Peter Haselsteiner soll sechzig Prozent an der neugegründeten „SE-Sammlung Essl GmbH“ besitzen.

          Der als Mäzen bekannte Industrielle und Ex-Politiker Haselsteiner gilt als kunstaffin und hat auch in seinem Baukonzern Strabag ein Förderprogramm für junge Kunst betrieben. Er soll nun sechzig Prozent an der neugegründeten „SE-Sammlung Essl GmbH“ besitzen. Dass Essl trotz seiner hohen Firmenschulden in Zukunft zu vierzig Prozent Eigentümer und auch künstlerischer Verantwortlicher des Museums bleibt, wurde nur dadurch möglich, dass er die Werke der meisten seiner Blue-Chip-Künstler opferte: Adieu heißt es also für kapitale Arbeiten von Neo Rauch, Albert Oehlen, Rosemarie Trockel oder Cecily Brown. Leb wohl, Spinne aus Louise Bourgeois’ „Spider Home“, mach’s gut, drei Meter hoher Holz-Georg „Meine neue Mütze“ von Baselitz.

          Morris Louis’ Gemälde „Eta“, 258 mal 404 Zentimeter, gemalt im Jahr 1961 und geschätzt auf 700.000 bis 1 Million Euro

          An den Großformaten von Essls geliebtem Anselm Kiefer herrschte in London hingegen kein Interesse. Insgesamt wird bei der Offerte der Investmentgedanke deutlich, der seit der Eröffnung des Museums in Klosterneuburg im Jahr 1999 eine beachtliche Rolle spielte. So verwundert es wenig, dass bei der anstehenden Versteigerung nur zwei Werke von österreichischen Künstlern angeboten werden; sie sind am internationalen Markt schlichtweg zu schwach. Auf ausdrücklichen Wunsch des Sammlers wurde von der im vergangenen Mai gestorbenen Maria Lassnig das Ölbild „Zwei Maler, drei Leinwände“ von 1986 ausgewählt - nicht gerade ihr stärkstes Werk und mit 120 000 bis 180 000 Pfund auch moderat taxiert. Von Hundertwasser ist die Mischtechnik „Der siebente Bezirk“ aus dem Jahr 1966 bei geschätzten 150 000 bis 200 000 Pfund zu erwerben. Warum gerade diese Bilder nach London gehen, ist schleierhaft, während doch sämtliche Collagen, Passstücke und Skulpturen von Franz West in Klosterneuburg verbleiben.

          Gerhard Richters „Netz“ von 1985 wurde im Nachverkauf für 5,5 Millionen Pfund vermittelt.

          Nach der Auktion im Oktober wird die Essl GmbH jedenfalls über ausreichende Mittel für eine abermalige Finanzspritze an die Banken verfügen - und so die Millionen Euro in Kunstwerten endgültig aus deren Reichweite rücken. Dennoch schließen Essl und Haselsteiner weitere Verkäufe nicht aus, wenn es der laufende Museumsbetrieb erfordert. Bleibt die Frage, ob der österreichische Staat nicht doch gut beraten gewesen wäre, den Ankauf der Sammlung Essl eingehender zu prüfen. Wenn jetzt für 44 Werke bis zu 75 Millionen Euro erwartet werden, wäre ein Ankaufspreis der gesamten Kollektion unter hundert Millionen Euro ein absolutes Schnäppchen gewesen.

          Sigmar Polkes „Indianer mit Adler“ von 1975, geschätzt auf 1,5 bis 2 Millionen Pfund, brachte 4,5 Millionen Pfund.

          Von den siebziger bis in die neunziger Jahre hinein sammelten Karlheinz und Agnes Essl vorrangig österreichische Malerei nach 1945, und der Großteil der Sammlung spiegelt bis heute die österreichische Kunstgeschichte wider. Die Essl-Kollektion rutscht also auch nach dem jetzigen Notverkauf nicht in die Bedeutungslosigkeit ab. In einer Zukunft mit drastisch geschrumpftem Budget wäre es deshalb wichtig, sich um intelligent konzipierte Ausstellungen zu bemühen - und weniger auf das „Best of“-Programm früherer Präsentationen zu setzen. „Für den dritten Stand bleiben nur noch die Krümel“, heißt eines der jetzt zum Verkauf stehenden Bilder von Sigmar Polke. Nach dem medialen Tohuwabohu dieses Jahrs wird Essl seinen Museumsbesuchern überzeugend vermitteln müssen, dass sie nicht nur Peanuts geboten bekommen.

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