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Sami Hyypiä : Die stille Kraft in Leverkusen

  • -Aktualisiert am

Auch ohne große Gesten sehr präsent: Sami Hyypiä Bild: dpa

„Ich bin gerade erst dabei herauszufinden, ob ich ein guter Trainer bin.“ Sami Hyypiä, einst ein Profi von Weltklasse, spielt bei Bayer Leverkusen als Teamchef eine wichtige Rolle am Rande des Rampenlichts.

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          Der Chef trägt heute Hut. Genauer gesagt: Hütchen. Diese kleinen Plastikmarkierungen, mit denen Trainer Übungsreviere abstecken, für Positionsspiele, Passfolgen, Raumaufteilung. Alltag in der Fußball-Bundesliga. Sami Hyypiä verteilt sie morgens vor dem Training von Bayer Leverkusen gleich neben dem Stadion. Er ist einer der Ersten auf dem Platz, schreitet mit langen Schritten Linien ab, legt hier ein Hütchen ab, dann das nächste. Der 39 Jahre alte Finne, früher ein Weltklasseverteidiger, Liverpool-Profi für zehn Jahre, Kapitän seiner Nationalmannschaft, bis vergangene Saison Spieler in Leverkusen, wirkt wie ein Assistent. Dabei ist er der Teamchef.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber Titel oder Außenwahrnehmung spielen hier keine Rolle, er macht einfach seine Arbeit. Als gleichberechtigter Partner neben dem Cheftrainer Sascha Lewandowski, als Mann mit internationaler Reputation neben seinem im Profifußball unerfahrenen Kompagnon. Und Hyypiä arbeitet offenbar gut. Alle im Verein, Spieler, Sportdirektor, Geschäftsführer schwärmen von seiner Wirkung. Außerdem steht Leverkusen auf Platz zwei in der Tabelle, gleich hinter den Bayern. Es ist eine Konstellation, wie sie die Bundesliga nicht kennt: Ein Mann, der kein ausgebildeter Trainer ist, der als introvertiert gilt, sich klaglos zurücknimmt und unerfahren im Führen einer Mannschaft ist, trägt an entscheidender Stelle zum großen Sprung bei. Ein Erfolg im Stillen.

          Vom Praktikanten zum Teamchef

          “Ich bin gerade erst dabei herauszufinden, ob ich ein guter Trainer bin“, sagt Hyypiä, von dem es heißt, er habe schon als Spieler wie ein Trainer gedacht, nur habe er warten müssen, bis seine Karriere vorbei ist. Das war im Mai 2011 der Fall, er zog sich aus Leverkusen zurück, kam dann - weil gerade in der Trainerausbildung - als Praktikant zurück und rettete mit Lewandowski die vergangene Saison, nachdem Robin Dutt entlassen worden war. Inzwischen haben beide einen Vertrag bis 2015, sie sollen länger bleiben, weil sie auf die Schnelle überzeugt haben.

          Das Modell der Doppelspitze und seine Interpretation sind auf dem Trainingsplatz beinahe täglich zu sehen. Lewandowski leitet das Training, Hyypiä beobachtet viel, führt Gespräche, studiert aus herausragender Position - er misst 1,95 Meter - das Geschehen. „Ich sehe jeden Tag, wie Sascha mit der Mannschaft arbeitet. Ich kann noch viel von ihm lernen“, sagt er. Sein Deutsch ist nach drei Jahren im Land gut, aber nicht gut genug für rhetorische Feuerwerke, deshalb redet der Cheftrainer mehr und länger. Die finale Ansprache vor Spielen gehört trotzdem Hyypiä. Er scheint ein Meister der Verknappung und Präzision zu sein, in vielen Einzelgesprächen, die er führt, aber auch vor größeren Gruppen. „Ich bin offener geworden. Kommunikation war für mich schon als Spieler sehr wichtig“, sagt er. „Aber heute ist sie noch wichtiger.“

          Das gilt auch für den Weg vom Platz zurück in die Kabine. Hier schüttelt er Hände von Zuschauern, lächelt, gibt Auskunft. In Liverpool, wo er von 1999 bis 2009 gespielt hat und als Idol der „Reds“, als einer der Gewinner der Champions League im legendären Finale 2005 gegen den AC Mailand nach 0:3-Rückstand verehrt wird, war das anders - zumindest beim Training. Das fand hinter drei Meter hohen Mauern statt, erzählt er. In der Premier League geht Abschottung vor Volksnähe. Ihm scheint der Kulturwechsel zu gefallen, und in Leverkusen ist die Kraft seiner Vergangenheit als Profi und seines Naturells im Praxistest zu beobachten. Bei Spielern und Anhängern. Liverpool ist natürlich sein Verein geblieben, zehn Jahre sind zehn Jahre. Er hat immer noch ein Haus dort, der Kontakt ist intensiv.

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