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Rücktritt des Berliner Piraten-Chefs : Mea culpa

„Ich bin politisch tot, unhaltbar, raus“: Hartmut Semken, ehemaliger Parteichef der Berliner Piraten Bild: dapd

Der Berliner Piratenpartei-Chef Semken ist zurückgetreten, weil er seine Partei belog - und ein „Spiegel“-Redakteur ihn dieser Lüge überführte. Doch auch die Rolle des Journalisten ist eine fragwürdige.

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          Dass der Berliner Parteichef der Piraten, Hartmut Semken, zurückgetreten ist, hat mit seiner Ehrlichkeit zu tun. Und mit einer Lüge. Diese zurückzuholen, war er zu ehrlich, also trat er zurück und forderte per Twitter dazu auf, dass über sein Verhalten ruhig alle Dampf ablassen sollten. Ein Mea culpa nach Piratenart.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es ist allerdings eines, zu dem Semken durch den „Spiegel“ gezwungen wurde. Dem Redakteur Sven Becker nämlich hatte der wegen seiner Haltung zu Mitgliedern mit potentiell rechtsradikaler Vergangenheit umstrittene Semken aus einer Sitzung des Parteivorstands vom 10. Mai heraus gemailt, man habe ihm das Vertrauen ausgesprochen: „Der König ist nicht tot. Und weigert sich zurückzutreten.“

          Wie ein Kriminalstück

          Die Äußerung drang nach außen, die Piraten waren not amused, verließen sich aber zunächst auf Semkens Darstellung, er habe sich dem Journalisten gegenüber nach der Sitzung, für deren Dauer Vertraulichkeit vereinbart wurde, mitgeteilt und dabei ein Zitat aus einer vorausgegangenen Sitzung vom April verwendet. So stellten es die Piraten dar - wurden von dem „Spiegel“-Redakteur aber flugs darauf hingewiesen, dass das nicht stimmte. Nachlesen kann das jeder bei „Spiegel Online“: „Die Redaktion des Spiegel weist die Piraten kurze Zeit später darauf hin, dass das Zitat sehr wohl aus der laufenden Geheimsitzung im Mai stamme.“

          Wir schreiben den späten Abend des 15. Mai. Noch in der Nacht setzt Semken die Meldung ab: „Ich bin politisch tot, unhaltbar, raus.“ Kurz vor vier Uhr morgens wird der Berliner Parteivorstand per Mail informiert. Bei „Spiegel Online“ ist all das in einem Stundenprotokoll nachzulesen, das wie ein Kriminalstück daherkommt.

          Merkwürdige Kumpanei

          Die Rolle, die der „Spiegel“-Redakteur dabei spielte, wird geschildert, als sei das alles handelsüblich. Dabei könnte man denken, dass hier gerade ein Informant verbrannt und um eines vermeintlichen Scoops willen der Quellenschutz hintangestellt wurde - eine Grenzüberschreitung. Diese aber soll der Pirat Semken dem Vernehmen nach selbst ermöglicht haben, da er die Kommunikation mit dem „Spiegel“ freigab - und damit auch seine Lüge, die nur noch benannt werden musste. „Zwischen Hartmut Semken und dem ,Spiegel’ ist am Tag nach der betreffenden Vorstandssitzung vereinbart worden, dass das Material offen nutzbar ist“, heißt es dazu bei „Spiegel Online“.

          Deshalb könne „es auch keinen Vertrauensbruch gegeben haben, zumal die Piraten selbst dem hehren Anspruch der Transparenz verpflichtet sind“. Der Redakteur Becker habe „Semkens Mail selbstverständlich nicht an die Piraten weitergeleitet, sondern den Berliner Landesvorstand lediglich um eine korrekte Darstellung der Zeitabläufe gebeten. Auch habe sich Semken bei Becker entschuldigt. Doch wie auch immer man das Verhalten des Politikers beurteilt - auch die Rolle des Journalisten ist in diesem Fall eine fragwürdige. Sie resultiert aus einer merkwürdigen Kumpanei, die manche Reporter im Umgang mit den Piraten pflegen, die geduzt oder per Twitter angehauen werden wie beim Stammtisch, wie man zuletzt bei einem Twitterverkehr der ARD-Hauptstadtreporterin Ulla Fiebig sehen konnte. Von Distanz und „hehrem Anspruch“ keine Spur.

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