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Risikoaufschläge auf Rekordhoch : Italienische Schuldenkrise spitzt sich zu

Trübe Aussichten: Italien muss bis Jahresende fällig werdende Anleihen von 37 Milliarden Euro tilgen Bild: dapd

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi geht, doch die Zweifel an einem raschen Schuldenabbau der drittgrößten Wirtschaftsmacht der Euro-Zone bleiben.

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          Die italienische Schuldenkrise ist am Mittwoch eskaliert. Die Risikoaufschläge italienischer Staatsanleihen erreichten Rekordhochs, was Zweifel an der Tragfähigkeit der Schuldenlast nährte. Die Bundesregierung zeigte sich über die Entwicklung an den Finanzmärkten besorgt. Auslöser waren die höheren Sicherheitsanforderungen für italienische Staatsanleihen, die Banken nun beim Londoner Wertpapierabwickler LCH Clearnet hinterlegen müssen. Die Erleichterung über den bevorstehenden Rücktritt des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi verpuffte.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte Italien zu weiteren Reformen auf. Das Land müsse Wachstumshemmnisse beseitigen und Vertrauen wiederherstellen. Berlusconi soll auf dem G-20-Gipfel in Cannes Hilfen des Euro-Rettungsfonds EFSF ausgeschlagen haben. Bundestagsabgeordnete, die am Mittwoch an einer Sitzung des Haushaltsausschusses teilnahmen, sagten der Nachrichtenagentur Reuters, Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) habe dies berichtet. Das Finanzministerium dementierte dies am Abend.

          Der deutsche Aktienindex Dax büßte 2,2 Prozent auf 5830 Punkte ein. Vor allem Finanzwerte standen unter Druck. Der Kurs der in Italien stark engagierten Allianz brach um 5 Prozent ein. Der Euro fiel unter 1,36 Dollar. Der Ausverkauf italienischer Staatsanleihen trieb die zehnjährige Rendite auf 7,4 Prozent, was ein neues Rekordhoch seit Bestehen der Währungsunion darstellt. Von diesem Niveau an benötigten Griechenland, Irland und Portugal die Hilfskredite der Euro-Gruppe und des Internationalen Währungsfonds.

          Die Analysten der britischen Bank Barclays halten die Risikoaufschläge Italiens für nicht mehr tragbar. Zwar seien politische Reformen nötig, um das Vertrauen wiederherzustellen, sie bezweifeln aber, dass damit die Marktdynamik durchbrochen werden könne. „Italien ist an einen Punkt angelangt, wo es möglicherweise für eine Umkehr zu spät ist“, so die Barclays-Analysten. Italien muss bis Jahresende fällig werdende Anleihen von 37 Milliarden Euro tilgen. Im kommenden Jahr sind es 307 Milliarden Euro. Diese müssen dann durch Papiere mit deutlich höheren Zinskosten abgelöst werden.

          Die Furcht der Investoren vor Zahlungsproblemen Italiens zeigt sich auch daran, dass kurzfristige Zinsen höher als langfristige lagen. Fünfjährige Anleihen rentierten am Mittwoch höher als zehnjährige. Die Renditen sanken am Nachmittag wieder, was im Handel mit Käufen der Europäischen Zentralbank (EZB) begründet wurde. Sie hatte zuletzt ihre Käufe ausgeweitet, aber den Kursverfall italienischer Anleihen nicht aufhalten können. Europäische Banken bauen ihre Bestände ab.

          LCH Clearnet, Europas wichtigster Abwickler für Anleihen, zog die Reißleine, nachdem der Risikoaufschlag italienischer Staatstitel gegenüber Bundesanleihen in der zehnjährigen Laufzeit auf über 5 Prozentpunkte gestiegen war. Banken erhalten nun weniger Kredit, wenn sie italienische Staatsanleihen als Sicherheit einreichen. Über die LCH-Plattform werden solche besicherten Kreditgeschäfte der Banken abgewickelt. Der Sicherheitsabschlag etwa für italienische Titel, die in sieben bis zehn Jahren fällig werden, wurde von 6,65 auf 11,65 Prozent des Marktwerts erhöht. Dies verringert die Finanzierungsmöglichkeiten italienischer Banken wie Unicredit oder Intesa Sanpaolo, die hohe Bestände an italienischen Staatsanleihen halten. Auch für irische und portugiesische Titel hatte LCH Clearnet höhere Abschläge eingeführt, was die Renditen zusätzlich nach oben getrieben und Rettungspakete nötig gemacht hatte.

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