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: Wo Fahrräder und Autos sprechen

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Vielleicht ist es ja wirklich das Paradies. Das Schlaraffenland womöglich, von dem die Dichter, Philosophen und nicht zuletzt die Bilder großer Maler zu erzählen wissen. Wo der Champagner fröhlich glucksend aus allerlei Brünnlein ...

          Vielleicht ist es ja wirklich das Paradies. Das Schlaraffenland womöglich, von dem die Dichter, Philosophen und nicht zuletzt die Bilder großer Maler zu erzählen wissen. Wo der Champagner fröhlich glucksend aus allerlei Brünnlein plätschert und Milch und Honig buchstäblich in Strömen fließen; wo gebratene Tauben durch die Lüfte fliegen und die Semmeln knusprig oben auf den Bäumen wachsen. Warum nicht? Allein, was soll dann "Kempinski" sein? Ein Märchen, Science-Fiction, eine Reisereportage aus Alice's Wonderland? Oder doch "eine Art ethnologische Science-Fiction-Dokumentation", wie der Künstler schelmisch vorschlägt? Und wo mag dies Paradies sich finden?

          Mancher, heißt es schließlich schon bei Ludwig Bechstein, würde wohl dahin auswandern, "wüsste er, wo selbes läge und eine gute Schiffsgelegenheit". Nun, glaubt man Neïl Beloufa und "Kempinski", kann man die Passage schon mal buchen. Denn hier in Mali, in einer gottverlassenen, beinahe wüstenartig anmutenden Gegend, können Fahrräder und Autos sprechen, gebratene Hühner kommen, frisch zubereitet, gerade dann vorbei, wenn wir im Stillen auch nur daran denken, die Menschen reden mit den Sternen, und Liebe macht man in Westafrika in aller Regel telepathisch und gleichsam "on demand": "Tout est magique, tout est simple", sagt einer der Protagonisten in Neïl Beloufas 2007 entstandenem Video einmal und: "Wir leben wie im Paradies."

          Indes, angesichts der nachtschwarzen, von schlichten Handlampen illuminierten Bilder fällt es schwer, daran zu glauben. Doch darauf kommt es gar nicht an. Es ist schließlich kein Geheimnis - und der Titel der Ausstellung in der Frankfurter Galerie Kai Middendorff (Niddastraße 84) legt die frappierend schlichte konzeptuelle Vorgabe denn auch bereitwillig offen -, dass Neïl Beloufas Protagonisten hier zwar die Welt der Zukunft sich ausmalen im Präsens, aber in einer Weise, als seien ihre Phantasien alltäglich gelebte Wirklichkeit.

          Doch was man sieht in dieser vielfach ausgezeichneten und soeben vom Pariser Centre Pompidou angekauften Arbeit, ist ein zwar improvisiertes, aber doch subtil inszeniertes Spiel mit Realität und Fiktion, Genres und Klischees. Ein Spiel also, das getragen wird von der Spannung zwischen Bild-, Text- und kalkuliert eingesetzter Soundebene einerseits, der Erwartungshaltung des Betrachters andererseits.

          "Future in present tense" freilich, so der Titel von Neïl Beloufas erster Einzelausstellung in Deutschland überhaupt, stellt mit "Kempinski" und "2007, April the second" nicht nur zwei bemerkenswerte Videoarbeiten eines gerade einmal 24 Jahre alten algerisch-französischen Künstlers vor, breitet nicht nur den referentiellen Kosmos aus, auf dessen Grundlage er Pop und Science-Fiction, Dokumentation, Wahrnehmungsparameter und Kunstgeschichte befragt und amalgamiert.

          Erkennbar wird vielmehr eine verblüffend reife künstlerische Haltung, die sensibel Raum wie Ausstellungskontext reflektiert und mithin über die vom Künstler selbst installativ aufbereitete Präsentation eine weitere Wahrnehmungsebene einfügt.

          Eine zwar durchaus zweckdienliche, im Kern aber nichts als Form vorstellende Metaebene im Grunde, die, gerade wie die Filme, Experiment und Kalkül, Improvisation und Präzision noch einmal auf gänzlich abstrakter Ebene miteinander kurzschließt. Mag sein, das Paradies, von dem die Menschen in "Kempinski" sprechen, ist nichts als ein Missverständnis, eine Ausgeburt der Phantasie oder ein gut erzähltes Märchen. Und doch: "Tout est magique, tout est simple" - das trifft die Kunst von Neïl Beloufa gar nicht einmal schlecht. Christoph Schütte

          Die Ausstellung in der Frankfurter Galerie Kai Middendorff, Niddastraße 84, ist bis 16. Januar mittwochs bis freitags von 13 bis 18 Uhr, samstags von 11 bis 16 Uhr geöffnet.

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