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: Streit in der Deutschen Flugsicherung eskaliert

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FRANKFURT. Wenn die Mitarbeiter der Deutschen Flugsicherung (DFS) morgen tatsächlich dem Streikaufruf für die Zeit zwischen 6 und 12 Uhr folgen, den die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) gestern an sie gerichtet hat, dann kann das 2500 Flüge oder mehr betreffen.

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          FRANKFURT. Wenn die Mitarbeiter der Deutschen Flugsicherung (DFS) morgen tatsächlich dem Streikaufruf für die Zeit zwischen 6 und 12 Uhr folgen, den die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) gestern an sie gerichtet hat, dann kann das 2500 Flüge oder mehr betreffen. Der Schaden für die Flugsicherung wie für die Fluggesellschaften wäre erheblich.

          Eine Eskalation wäre noch zu vermeiden, riefe die Unternehmensleitung der bundeseigenen Flugsicherung die Schlichtung an. Nach allem, was gestern zu erfahren war, würden dem auch die Gewerkschafter zustimmen. Die daraus folgende Friedenspflicht würde Streiks der 2600 Gewerkschaftsmitglieder unter den knapp 5900 DFS-Mitarbeitern auf Wochen verhindern.

          Doch die Unternehmensleitung der DFS will vorerst keine Schlichtung, sondern noch heute eine einstweilige Verfügung gegen den Streik bei Gericht durchsetzen, wie Jens Bergmann, Geschäftsführer Finanzen und Personal der DFS, gestern nach Bekanntgabe des Streikaufrufs der GdF sagte. Für die Flugsicherung sei die Schlichtung dann kein Weg, wenn sie auf der Basis möglicherweise rechtswidriger Forderungen der Gewerkschaft stattfände. Bergmann hält insbesondere das Ansinnen der GdF nicht mit geltendem Recht vereinbar, Stellen nach dem Senioritätsprinzip zu besetzen und nicht nach Qualifikation. Jüngere Mitarbeiter und von außen angeworbene Fluglotsen sollten so von zentralen Funktionen ausgeschlossen bleiben, was gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung verstoße.

          Die Gewerkschafter bezeichneten ihrerseits ein Angebot der DFS vom Wochenende als nicht verhandelbar. Vor allem die von der DFS formulierte Vorbedingung, einer Erhöhung der zulässigen Überstunden von 80 auf 120 zuzustimmen, sei inakzeptabel. Die Flugsicherung hatte angeboten, in einem für Tarifabschlüsse ungewöhnlich langen Zeitraum von 29 Monaten die Entgelte um 5,2 Prozent zu erhöhen, wobei die erste Stufe bereits von diesem August an eine Erhöhung um 3,2 Prozent bringen sollte. Was das Entgelt angeht, will die GdF 6,5 Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten erreichen. Die Gewerkschafter ließen gestern aber keinen Zweifel daran, dass sie allein für eine Entgelterhöhung nicht zum Streik aufrufen würden.

          Von Beginn an ging es bei der Auseinandersetzung nur am Rande um eine Entgelterhöhung. Die Fluglotsen sind vor allem deshalb auf die Barrikaden gegangen, weil die Geschäftsleitung unter dem Druck von EU und Kunden erhebliche Einsparungen ankündigte und in diesem Zusammenhang auch Zugeständnisse der Mitarbeiter verlangt hat, beispielsweise die genannten zusätzlichen Überstunden. Flugsicherungs-Chef Dieter Kaden hat schon mehrfach ein jährliches Einsparziel von sechs Prozent vorgegeben.

          Mindestens genauso hat die Fluglotsen aufgebracht, dass die Unternehmensleitung ihrer Ansicht nach darauf abzielt, den Einfluss der operativ tätigen Fluglotsen zu verringern und den von leitenden Angestellten zu stärken. Diese seien tendenziell eher an der Kostendämpfung als an der im Sinne der Sicherheit optimalen Arbeitspraxis für Lotsen orientiert, hieß es unlängst bei der Gewerkschaft.

          Fest machen die Interessenvertreter das etwa an den Posten der Supervisoren, die jeweils einem Team von Lotsen vorstehen. Die Geschäftsführung stellt diesen frei, ihre Lotsenlizenz zu verlängern. Die Gewerkschafter bestehen darauf, dass nur lizensierte Lotsen auch Supervisoren sein dürfen. Die DFS-Spitze interpretiert das, wie gestern abermals deutlich wurde, als Versuch, den traditionell großen Einfluss der Lotsen weiterhin zu sichern.

          Was die Frage der Überstunden betrifft, bestreiten die Gewerkschafter nicht, dass der Flugsicherung tatsächlich Personal fehlt, sie sehen eine strukturelle Lücke von 350 Fluglotsen, die altersbedingten Abgänge nicht mitgerechnet. Sie lehnen es aber ab, diese Lücke mit Überstunden und anderen Mehrbelastungen des vorhandenen Personals zu schließen. Markus Siebers, der im GdF-Bundesvorstand das Ressort Tarif und Recht verantwortet, warnt davor, dass eine solche Praxis über kurz oder lang auf Kosten der Sicherheit gehe. Das Versäumnis der Unternehmensleitung, rechtzeitig ausreichend Nachwuchs für die Lotsen zu rekrutieren, dürfe man so nicht kompensieren.

          Die Unternehmensleitung begründete ihre Forderungen gestern abermals mit neuen Regeln der EU, die schon 2012 greifen. Die EU fordere unter anderem, die Gebühren der Flugsicherung für die Fluggesellschaften im Jahr um 3,5 Prozent zu senken. Die DFS sei zwar eine der leistungsfähigsten Flugsicherungen weltweit, sie arbeite aber mit zu hohen Kosten. "Wir müssen effizienter produzieren", sagte unlängst DFS-Finanz- und Personalchef Bergmann im Gespräch mit dieser Zeitung. Er wies dabei auch darauf hin, dass das noch gültige Prinzip der Vollkostendeckung, bei dem die Kunden zu tragen haben, was an Kosten anfällt, in Zukunft nicht mehr gilt. Die Entgelte werden vielmehr festgesetzt und vom Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung kontrolliert. Die Flugsicherung kann einen Gewinn erwirtschaften, den sie auch selbst investieren darf. Wenn sie aber ein Minus erwirtschaftet, muss sie das gegenüber ihrem Gesellschafter vertreten, und das ist der Bund.

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