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: "Schnell Licht ins Dunkel bringen" Titelkauf-Affäre: Uni

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zos. Frankfurt/Köln. Im Grunde genommen sei so etwas ja "unvorstellbar", findet Ulrich Brandt. "Mir fehlt die kriminelle Phantasie, um mir auszumalen, wie das vor sich gegangen sein könnte." Passiert ist es aber offenbar wirklich: ...

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          zos. Frankfurt/Köln. Im Grunde genommen sei so etwas ja "unvorstellbar", findet Ulrich Brandt. "Mir fehlt die kriminelle Phantasie, um mir auszumalen, wie das vor sich gegangen sein könnte." Passiert ist es aber offenbar wirklich: Die Staatsanwaltschaft Köln hat mehr als hundert Professoren aus ganz Deutschland unter Verdacht, den Kunden eines Beratungsinstituts gegen Geld zum Doktortitel verholfen zu haben - darunter auch Kandidaten, deren fachliche Eignung zweifelhaft war (siehe Seite 27). Brandt, Vorsitzender der Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten an der Goethe-Universität, könnte bald genötigt sein, sich näher mit diesem mutmaßlichen Skandal zu befassen. Denn nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Focus" sind auch Hochschullehrer aus Frankfurt in die Bestechungsaffäre verwickelt.

          Noch hat allerdings niemand einen Professor oder Dozenten der Goethe-Uni offiziell beschuldigt. Die Kölner Strafverfolger geben aus taktischen Gründen derzeit nicht bekannt, an welchen Hochschulen die Verdächtigen tätig sind. Uni-Pressereferent Stephan Hübner sagte gestern, man habe keine Informationen über mögliche Beschuldigte. Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) habe die Universität gebeten, in Köln Auskünfte einzuholen, und dies werde zurzeit versucht. "Wir haben ein Interesse daran, dass möglichst schnell Licht ins Dunkel gebracht wird", hob Hübner hervor.

          Die Mühe des Biochemikers Brandt, sich den Ablauf der vermuteten Bestechungsmanöver vorzustellen, erklärt sich daraus, dass eine Promotion kein Zwei-Mann-Unternehmen ist. Über die Annahme eines Doktoranden entscheidet ein Ausschuss, die Dissertation wird von zwei Gutachtern bewertet, und im Rigorosum muss der Kandidat vor einer Kommission Rede und Antwort stehen. In experimentellen Fächern wird er zudem im Labor präsent sein, so dass es auffallen sollte, wenn er der Arbeit nicht gewachsen ist.

          Graduiertenschulen sollen Betrug erschweren

          Brandt weiß aber, dass es unter Professoren ein gewisses kollegiales "Grundvertrauen" gibt, das die Wachsamkeit trüben kann. Er hält es für denkbar, dass ein mäßig begabter, aber "gut gecoachter" Aspirant das Rigorosum übersteht, und eine von einem "Ghostwriter" verfasste Arbeit müsse nicht unbedingt schlecht sein.

          Nach Brandts Ansicht ist es daher unbedingt sinnvoll, die Doktorandenausbildung stärker zu strukturieren. Diesem Zweck dienten die schon gegründeten oder angestrebten Graduiertenschulen für Natur- und Geisteswissenschaftler. "Solche Einrichtungen werden Betrug automatisch erschweren", glaubt der Professor.

          Sollte ein Promovierter seinen Doktorhut aber doch auf zweifelhafte Weise erlangt haben, wird Brandts Kommission nur tätig, wenn jemand sie über den Verdacht informiert und es um mögliche wissenschaftliche Versäumnisse geht. Das Gremium beurteilt dann die Vorwürfe und macht eventuell dem Uni-Präsidium Vorschläge, wie in der Sache verfahren werden könne. Ob ein Doktortitel aberkannt werde, müsse letztlich der zuständige Fachbereich entscheiden, so Brandt. Soweit er sich erinnern kann, hat es an der Goethe-Universität noch keinen Fall von Promotionsbetrug gegeben. Anderer schwerer Vergehen hat sich der frühere Direktor des Instituts für Anthropologie, Reiner Protsch von Zieten, schuldig gemacht. Das Landgericht Frankfurt verurteilte ihn im Juni unter anderem wegen Untreue - seine wissenschaftliche Karriere war zu diesem Zeitpunkt schon beendet.

          Gelassen verfolgt nach eigenem Bekunden die Sprecherin der Frankfurt School of Finance and Management, Angelika Werner, die Berichte über die Titelkauf-Affäre. Ihre Hochschule hat wie die Universität das Promotionsrecht. Doch Werner ist sich sicher, dass Betrüger in ihrem Haus keine Chance hätten - dafür sei das Auswahlverfahren, das potentielle Doktoranden durchlaufen müssten, zu streng.

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