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RHEINGAU : Puttrich lenkt ein

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Endlich einmal wieder ein Herbst, in dem nicht schon vor der Weinlese von einem Jahrhundertjahrgang die Rede ist. Die Winzer erwarten nach zwei im Hinblick auf die Menge mageren Jahren endlich wieder einen erfreulichen Ertrag bei recht ordentlicher Güte.

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          Endlich einmal wieder ein Herbst, in dem nicht schon vor der Weinlese von einem Jahrhundertjahrgang die Rede ist. Die Winzer erwarten nach zwei im Hinblick auf die Menge mageren Jahren endlich wieder einen erfreulichen Ertrag bei recht ordentlicher Güte. Miserable Jahrgänge gibt es ohnehin schon seit bald 25 Jahren nicht mehr, denn die deutschen Winzer sind unstreitig die Gewinner des Klimawandels. Es ist überdies weder der Jahrgang noch der Weinberg, nach dem Liebhaber deutschen Weines ihre Auswahl treffen sollten, sondern allein der Erzeuger. Ein nachlässiger Winzer bringt selbst auf Spitzenlagen in Spitzenjahren keine erfreulichen Tropfen zustande.

          Steigende Pacht- und Bodenpreise sind ein Indiz für die sich bessernde Lage der Rheingauer Winzer. Der fortlaufende Konzentrationsprozess bringt zudem am Markt erfolgreichere Weingüter hervor. Nur bei den Genossenschaften verhindern Eitelkeiten bislang eine dringend notwendige Fusion zu ein oder zwei langfristig überlebensfähigen Einheiten. Zu den anerkannten und erfolgreichen Weingütern wollen sich auch die Hessischen Staatsweingüter zählen, doch mit ihrem verborgenen Griff nach mehr Fläche vom Steinheimer Hof haben sie ihrem Image unter den Berufskollegen wieder einmal geschadet und zugleich die Landesregierung in die Bredouille gebracht.

          Gerade noch rechtzeitig hat Landwirtschaftsministerin Lucia Puttrich (CDU) nun die Notbremse gezogen und eingelenkt. Das wäre wohl nicht so schnell der Fall gewesen, wenn das Land sich nicht selbst eingestanden hätte, dass das bisherige Vorgehen vielleicht legal, nicht aber legitim und schon gar nicht klug war.

          Staatsweingüter-Geschäftsführer Dieter Greiner stammt aus dem Schwäbischen und sollte eigentlich wissen, was ein "Gschmäckle" hat: wenn das Land aus seinem Besitz Ackerfläche unter der Hand seinem eigenen Weingut zuteilt in dem Wissen, dass auch andere Winzer daran Interesse haben könnten. Greiner sieht sich durch die Struktur des Staatsweinguts und seinen gewaltigen Schuldenberg zum Wachstum geradezu verdammt.

          Es stünde Deutschlands jetzt schon größtem Weingut gut an, die Preispflege in den Vordergrund seiner Strategie zu stellen. Wer immer höhere Preise am Markt durchsetzen will, muss dafür bisweilen sogar auf eine gezielte Verknappung des Angebots setzen. Vielleicht sollte Aufsichtsratschef Roland Koch im Lichte seiner neuen Erfahrungen bei der Führung eines erfolgreichen Baukonzerns auch die Strategie der Staatsweingüter doch noch einmal überdenken.

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