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: "Leute sind umsonst gestorben"

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müg. DARMSTADT/RÜSSELSHEIM. Der 32 Jahre alte Erdal E. ist sich keiner Schuld bewusst - im Gegenteil: Der älteste der drei Angeklagten im Strafprozess um die Bluttat vor dem Rüsselsheimer Eiscafé "De Rocco" stellte sich gestern vor der 11.

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          müg. DARMSTADT/RÜSSELSHEIM. Der 32 Jahre alte Erdal E. ist sich keiner Schuld bewusst - im Gegenteil: Der älteste der drei Angeklagten im Strafprozess um die Bluttat vor dem Rüsselsheimer Eiscafé "De Rocco" stellte sich gestern vor der 11. Große Strafkammer am Darmstädter Landgericht als Opfer dar, das in eine Falle gelockt worden sei. "Völlig arglos und überhaupt nicht misstrauisch", so der Angeklagte, sei er am frühen Abend des 12. August vorigen Jahres in Begleitung seiner Brüder Denis und Serdal im "De Rocco" eingetroffen. Ein gewisser Barys Y. habe ein Treffen gewünscht - den Ort dafür habe der mitangeklagte Taylan K. vorgeschlagen.

          Der Anlass für die Zusammenkunft waren nach Darstellung des Angeklagten teilweise weit zurückliegende Auseinandersetzungen in der "Türsteherszene". Von "Belanglosigkeiten" und einem "kleinen Vorfall" sprach er in dem Zusammenhang, die man im Übrigen bereits am Tag zuvor in einem "harmonischen Gespräch" mit dem Vater der Brüder Taylan und Erkan K. habe beilegen können. Er habe sich den Grund für das Treffen deshalb so erklärt, dass auch Barys Y. seinen Frieden mit den Beteiligten habe machen wollen.

          In dem Eiscafé sei ein "kleiner Small- talk" über diverse Vorfälle der Vergangenheit dann plötzlich in einen handfesten Streit ausgeartet. Unvermittelt habe Erkan K. seine Brüder Serdal E. und Denis E. ins Gesicht geschlagen. Und er selbst, so Erdal E., sei zu Boden gegangen - von einem "Haken" des K. und wohl auch noch von einem Stuhl getroffen. Als sein Bruder Denis ihm habe aufhelfen wollen, sagte der Angeklagte, hätten Erkan und Taylan K. sowie Barys Y. plötzlich "wie ein Hinrichtungskommando" vor ihnen Aufstellung genommen.

          "Erkan K. hat mir dann "direkt in den Kopf geschossen", sagte der Angeklagte weiter, der noch mitbekommen haben will, wie sein Bruder Denis den Schützen wohl mit seinem Messer, das er stets mit sich geführt habe, angegriffen habe: "Es hat ein verzweifelter Kampf um die Waffe, um unser Leben stattgefunden." Nach kurzer Bewusstlosigkeit schließlich habe er, E., sich zum Ausgang geschleppt und noch gesehen, wie Taylan K. von der anderen Straße aus in Richtung des Eiscafés geschossen habe. An dieser Stelle seines Berichts ließ der Angeklagte weinend seinen Kopf auf den Tisch sinken: So viele Menschen seien gestorben - "wegen nichts".

          Getötet wurden an diesem Abend der 26 Jahre alte Denis E., der zwei Jahre ältere Erkan K. sowie die zufällig am Tatort anwesende 55 Jahre alte Griechin Anna K. Erdal E. überlebte dank rascher ärztlicher Hilfe. Laut Anklageschrift war er allerdings nicht das arglose Opfer, sondern derjenige, der zuerst ein Messer gezogen und "in Tötungsabsicht mehrfach auf Erkan K. einstach".

          Das Schwurgericht ist seit Mai damit befasst, die Bluttat aufzuklären. Erdal E. hat sich als erster der drei Angeklagten mündlich dazu geäußert. Vom Vorsitzenden Richter Volker Wagner eindringlich nach möglichen Motiven für die folgenschweren Auseinandersetzungen befragt, kam die "Türsteherszene" mit ihren laut E. "gewaltbereiten Menschen" zur Sprache. In die Rüsselsheimer Vorgänge irgendwie involviert waren nach Darstellungen des Angeklagten, der selbst einmal als Türsteher gearbeitet hat, vier hierarchisch strukturierte und auf ihr Ansehen bedachte Gruppen, innerhalb derer im Zweifel jeder zu einem "Gewaltakt" bereit sei.

          Was aber den Rüsselsheimer Gewaltexzess tatsächlich ausgelöst hat, dazu vermochte das Gericht von dem Angeklagten wenig zu erfahren. Womöglich habe es der Stolz des Erkan K. nicht zugelassen, dass sein Vater ihn habe daran hindern wollen, den Streit weiter auszutragen. Letztlich aber habe er "keine wirkliche Erklärung" dafür: "Die ganzen Leute sind umsonst gestorben."

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