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: Klänge, geschichtet wie Steinmännchen

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Als unverwechselbare kollektive Persönlichkeiten sind Musiker-Ensembles zentrale Motoren der Neuen Musik. Einerseits arbeiten sie in engem Kontakt mit Komponisten. Andererseits binden und prägen sie ihr jeweils eigenes Publikum.

          Als unverwechselbare kollektive Persönlichkeiten sind Musiker-Ensembles zentrale Motoren der Neuen Musik. Einerseits arbeiten sie in engem Kontakt mit Komponisten. Andererseits binden und prägen sie ihr jeweils eigenes Publikum. In einem "Festival im Festival" stellten die Darmstädter Ferienkurse nun sieben junge Ensembles vor. Darunter waren das Ensemble Nikel, zu dem sich fünf Musiker aus Tel Aviv, Brüssel und Zürich zusammenfanden, und das aus zwölf Musikern bestehende, 1997 am Conservatoire National Supérieur de Paris gegründete Ensemble Cairn.

          "Cairn" heißen die Steinmännchen, die Wanderern einen gangbaren Weg durch unwegsames Gelände weisen. Sie werden erhalten, indem jeder, der an einem solchen Steinhäufchen vorbeikommt, einen weiteren Stein auflegt. Das Ensemble Cairn funktioniert insofern ähnlich, als jedes Mitglied auch organisatorische und konzeptionelle Arbeiten erledigt: Komponieren, Instrumentieren oder auch die Leitung Übernehmen.

          Das Konzert in der Otto-Bernd-Halle der Technischen Universität dirigierte der ebenso mit romantischer Sinfonik erfahrene Guillaume Bourgogne. Es begann und schloss jeweils mit der Deutschen Erstaufführung eines Werkes des 1975 geborenen Raphaël Cendo. "Décombres" für Tubax und Life-Elektronik, gespielt von Jérôme Laran und "Tract", ein Oktett, in dem die Harfenistin auch einen gedämpften Gong bedienen muss, erhielten jeweils viel Beifall aus dem bemerkenswert großen, wachen und engagierten internationalen Publikum. Eine Deutsche Erstaufführung war auch "Saison des cris" von Samuel Sighicelli, drei kontrastierende Sätze mit eingeblendeten Sprach-Segmenten. Sehr gelungen schien die Verschmelzung von eingespielten und auf der Bühne zugegebenen Stimmlauten. Seine Uraufführung erlebte "Le Cabinet des Signes" von Aaron Einbond, ein Oktett mit Live-Elektronik, dessen Anfang und Schluss an die Nachbildung einer abendlichen Klanglandschaft mit Käuzchen, Grillen und Zikaden, Fröschen und Fahrradklingeln erinnerte, während im Mittelteil das Tubax täuschend echt den Klang eines E-Basses imitierte.

          Während das großbesetzte Pariser Ensemble mal mit, mal ohne Live-Elektronik spielt und seine Farbigkeit aus der Vielzahl seiner Instrumente bezieht, gehören beim Ensemble Nikel die Verwendung der Elektronik und die Verschmelzung von elektrischen und akustischen Instrumenten zum Programm. In der Orangerie stellte es sich als Quartett vor (nicht dabei war Kontrabassist Eran Borovich), mit den Komponisten Stefan Prins und Marco Momi am Mischpult. Der Klang des Ensembles ist unverwechselbar farbintensiv und eindringlich. Zwei Mitglieder sind dem Frankfurter Publikum als Stipendiaten der Internationalen Ensemble Modern Akademie (IEMA) vertraut: der Zürcher Pianist Reto Staub und der Brüsseler Schlagzeuger Tom de Cock. Mit von der Partie sind der Saxophonist Gan Lev und E-Gitarrist Yaron Deutsch aus Tel Aviv, wo das Ensemble auch seine eigene Abonnement-Reihe unterhält. De Cock begeisterte durch seine differenzierte Darbietung von "Mani.Mono" von Pierluigi Billone für Spring Drum, ein minimalistisches Instrument aus einer halb geschlossenen Dose mit heraushängender Spiralfeder. Meisterlich-souverän in Sprache, Gesten und aluverschaltem Klavierklang gestaltete Reto Staub Georges Aperghis' Roboter-Talk "Conversation X". "Fremdkörper #2" hieß sehr treffend das durch und durch eigenartige, mal an Wal-Gesänge, mal an ästhetisierte Störgeräusche erinnernde, sehr stringente Werk des 1979 geborenen Belgiers Stefan Prins, das hier seine begeistert aufgenommene Uraufführung erlebte. Jeweils ihre deutsche Erstaufführung erlebten das an Automatismen reiche "Localized Corrosion" von Philippe Hurel und "Ludica II" von Marco Momi. Momi ist, neben Simon Steen-Andersen und Robin Hoffmann, einer der diesjährigen Kranichsteiner Musikpreisträger. Sein "Ludica II" birgt glänzende Bezugnahmen zwischen Einspielungen und Bühnenaktionen sowie Klangentwicklungen, die nahtlos durch die verschiedenen Instrumente wandern. Mit Chaya Czernowins "Sahaf" gehörte es zu den ganz wenigen Stücken dieses Abends, die nicht zu lang wirkten. Unter diesen waren auch die beiden Uraufführungen von Aaron Einbond und Stefan Prins. Elisabeth Risch

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