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FRANKFURTER GESICHTER : Helmut Nordmeyer

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Ein Niedersachse in Frankfurt ist keine Seltenheit. Ein Niedersachse in Frankfurt, der sich weit besser in der hiesigen Geschichte auskennt als die meisten Alteingesessenen, muss allerdings als eine Besonderheit gelten.

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          Ein Niedersachse in Frankfurt ist keine Seltenheit. Ein Niedersachse in Frankfurt, der sich weit besser in der hiesigen Geschichte auskennt als die meisten Alteingesessenen, muss allerdings als eine Besonderheit gelten. Zur Geschichte geführt hat den aus der Stadt Seelze bei Hannover stammenden Helmut Nordmeyer sein lebenslanges Interesse an der Vergangenheit. Zur Frankfurter Geschichte leitete ihn dagegen eine glückliche Fügung.

          Nach seinem Referendariat an einem Gymnasium in Bensheim an der Bergstraße sah sich der Deutsch- und Geschichtslehrer vor die Arbeitslosigkeit gestellt: Lehrer wurden Mitte der achtziger Jahre nur in geringer Zahl eingestellt. Nordmeyer hat sich dann als Honorarkraft an der Volkshochschule durchgeschlagen und dazu noch gegen bescheidenes Entgelt den Veranstaltungskalender des Sponti-Magazins "Pflasterstrand" in den Computer eingetippt.

          Die Wende zum Guten kam mit einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme am Stadtarchiv. Mit einem Werkvertrag versehen, arbeitete Nordmeyer zwei Jahre lang die Akten des altehrwürdigen Hospitals zum Heiligen Geist auf. Danach wurde ihm eine feste Stelle als Sachbearbeiter angeboten. Heute ist Nordmeyer im Stadtarchiv, das inzwischen Institut für Stadtgeschichte heißt, Abteilungsleiter und trägt die Verantwortung für die Sammlungen des Hauses mit Ausnahme der städtischen Akten. Nachlässe etwa vom früheren Oberbürgermeister Walter Kolb oder dem Jazz-Musiker Albert Mangelsdorff befinden sich ebenso in seiner Obhut wie eine umfangreiche Sammlung von Fotos und Karten oder die Archive zahlreicher Vereine, Firmen und Institutionen. Nordmeyer wacht über das Gedächtnis Frankfurts.

          Und er prägt mit regelmäßigen Ausstellungen im Karmeliterkloster den Besuchern Frankfurts Vergangenheit ins Gedächtnis ein. Seine Schauen über die fünfziger und sechziger Jahren mit ungewöhnlichen Fotos und aufschlussreichen Texten waren etwas Besonderes. Immer hat Nordmeyer darauf Wert gelegt, anschauliche Ausstellungen mit qualitätsvollen Fotografien, Stichen und Karten zu präsentieren, was ihm jüngst mit der Schau über Johann Friedrich Christian Hess, den bedeutenden Frankfurter Baumeister des Klassizismus, wieder einmal gelungen ist.

          Die Abbildungen der Hess-Bauten und anderer bedeutender Gebäude des bürgerlichen Frankfurt werden im sanierten Refektorium des Karmeliterklosters gezeigt. Dass dieser und die anderen Räume des Karmeliterklosters bis hin zum Kreuzgang jetzt wieder so wohlgestaltet sind, ist nicht zuletzt das Verdienst Nordmeyers. Denn der Historiker und Archivar war von Institutsleiterin Evelyn Brockhoff zum "Baubeauftragten" bestimmt worden, der die Sanierung des maroden Klosterkomplexes zu überwachen hatte. Vier Jahre lang mahnte Nordmeyer säumige Baufirmen, monierte Fehler, verhandelte mit Handwerkern.

          Er, der noch nie in seinem Leben eine Mauer hochgezogen hatte, wurde zum Fachmann für Altbausanierung. Zugute kamen ihm dabei sein preußisches Pflichtbewusstsein und sein grundsolider Pragmatismus. Nordmeyer, ein Mann, der mit beiden Beinen auf der Erde steht, muss als Baubeauftragter jetzt nur noch die anstehende Sanierung des Tiefmagazins meistern. Danach will er vom Bauwesen den größtmöglichen Abstand halten und sich nur noch der Frankfurter Geschichte widmen. Hans Riebsamen

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