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: Er ist gar nicht so eitel, er ist vor allem kühn

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Er kommt auf dem Rad, wie so oft. Dass er morgen achtzig wird, merkt man ihm wahrlich nicht an: die Haltung aufrecht, die Gesten ausladend, immer unterhaltsam, in schneller Konversation manchen leicht spöttischen Seitenhieb unterbringend, gern lachend, halb Intellektueller, halb Urvieh.

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          Er kommt auf dem Rad, wie so oft. Dass er morgen achtzig wird, merkt man ihm wahrlich nicht an: die Haltung aufrecht, die Gesten ausladend, immer unterhaltsam, in schneller Konversation manchen leicht spöttischen Seitenhieb unterbringend, gern lachend, halb Intellektueller, halb Urvieh. Viele halten ihn für eitel. Dabei ist er doch vor allem raumfüllend.

          Und kühn. Rüdiger Volhard tut gelegentlich, was sich andere nicht trauen. Etwa, wenn er vor dem Platznehmen in der ersten Reihe der Oper (Premierenabonnement seit 1950) in die Weite des Raums schaut, als gehöre alles ihm. Wenn er ein Mail mit den Worten beginnt "Ich will was von Ihnen", wenn er zu jemandem am Telefon sagt: "Schneller!" Oder wenn er zu einem Festakt mit dem Rad kommt und es einem Pförtner oder Portier in die Hand drückt, worauf der so verdutzt ist, dass er sich tatsächlich des Drahtesels annimmt.

          Ob man ihn im Schauspiel trifft oder auf dem Opernplatz - immer hat er etwas zu erzählen, immer hat er etwas vor. Das Energiereservoir dieses Mannes muss riesig sein, anders hätten nicht so viel Leistung, Interesse und Wissen hineingepasst. Denn Rüdiger Volhard ist ein Mann vieler Gaben. Die ihm zum Teil in die Wiege gelegt wurden: Großvater Professor Franz Volhard war ein bedeutender Internist, Ehrendoktor der Sorbonne, schrieb das maßgebliche 1800-Seiten-Werk über Nierenerkrankungen, lebte großbürgerlich und zeugte zehn Kinder.

          Er muss von vielleicht noch größerer Kühnheit gewesen sein als sein Enkel Rüdiger, denn von Franz Volhard ist überliefert, dass er vor seinem 70. Geburtstag seine eigene Laudatio verfasste und die seinen Schülern mit den Worten in die Hand drückte: "Damit ihr keinen Unsinn über mich schreibt." Über seine Mitarbeiter sagte er, sie stünden ihm 24 Stunden am Tag zur Verfügung: "Was sie in der Zwischenzeit tun, ist mir egal." Rüdiger Volhards Vater Ewald war Ethnologe. Er fiel kurz vor Kriegsende. Sein Buch über Kannibalismus (1939) gilt bis heute als Standardwerk.

          Sohn Rüdiger entschied sich weder für Medizin noch für Völkerkunde und auch nicht, wie eigentlich zu erwarten war, für Musik, er wurde Jurist. Aber was für einer. Als junger Anwalt übernahm er die Kanzlei Pünder, deren Gründer Albrecht Pünder sich zurückzog. 1969 stieß Dolf Weber als Partner hinzu, die Kanzlei firmierte fortan unter Pünder, Volhard & Weber, am Ende der achtziger Jahre wird sie die größte Kanzlei in Frankfurt sein. 1990 kommt die Düsseldorfer Sozietät Axster hinzu. Im Jahr 2000 fusioniert Pünder, Volhard, Weber & Axster mit Rogers & Wells aus Amerika und Clifford Chance aus England. Unter dem Namen "Clifford Chance" handelt es sich heute mit 3200 Anwälten um eine der größten Kanzleien der Welt, vertreten an allen wichtigen Wirtschaftsplätzen.

          Rüdiger Volhard hatte schnell die Stadtverwaltung als Mandanten entdeckt. Er ging buchstäblich in den Ämtern von Tür zu Tür, fragte: "Was habt ihr denn da, kann ich euch nicht helfen?" Den Oberbürgermeister Rudi Arndt beriet der Fachmann für öffentliches Recht in kniffligen Fragen der Baugenehmigungen. Die Praxis wuchs und wuchs, vor allem das Immobilienrecht wurde zu ihrer Domäne, inklusive ausländischen Rechts und Steuerrecht, heute ist man rechtlich auf beinahe allen Feldern tätig. Als erste deutsche Sozietät eröffnen Pünder, Volhard & Weber ein New Yorker Büro. Dolf Weber übrigens führt den unaufhaltsamen Aufstieg der Kanzlei nicht zuletzt darauf zurück, dass sich die beiden Ehefrauen Volhard und Weber so gut verstanden - ein wahrscheinlich unterschätzter Aspekt anwaltlicher Erfolgsstrategien.

          Im Übrigen galt Weber als genialer Akquisiteur und Volhard als radikaler Vereinfacher. Er setzte seinen Ehrgeiz darein, juristische Sachverhalte und Einschätzungen in der denkbar knappsten Weise wiederzugeben. Was er übrigens auch seinen jüngeren Kollegen - notfalls streng - beibrachte. Selbst manch Autor einer Festschrift musste mit Volhards Kürzungen leben.

          Trotz des beruflichen Kampfes hat Rüdiger Volhard sich immer die Zeit für Lesen, Musizieren, Kunstbetrachten (und -sammeln) genommen. Der einst kleinste und jüngste Schüler des 1939 gegründeten und von Kurt Thomas geleiteten Musischen Gymnasiums, aufgenommen wegen seiner Fähigkeit, vom Blatt zu singen, ist ein guter Pianist, der mit seinem Freund Hans Drewanz oder anderen Dirigenten vierhändig spielt und zu einem seiner runden Geburtstage immerhin Kammersängerin Brigitte Fassbaender zur "Winterreise" begleitete.

          Volhard liebt die Kultur nicht nur, er begreift sich auch als ihr Missionar. Und er tut viel für ihre Förderung, etwa in den unterschiedlichsten Gremien der Alten Oper, der Städtischen Bühnen, des Freien Deutschen Hochstifts, des Städels, des Literaturhauses und nicht zuletzt des Hauses der Chöre. In der Gremienarbeit sieht er sich weniger als ersten Mann, sondern "als Zwischenrufer, der zu allem seinen Senf gibt".

          Rüdiger Volhards breites Interessenspektrum spiegelt sich in seinem Beziehungsgeflecht. Volhard, gemeinsam mit seiner Frau Karin ein großer Gastgeber, ist der Freundschaft zu sehr unterschiedlichen Menschen fähig. Als zu seinem 65. Geburtstag ein liber amicorum herauskam, fanden sich unter den Autoren Hilmar Hoffmann und Marcel Reich-Ranicki, Joachim Fest und Wolf Singer, Walter Wallmann und Wilfried Guth, Elisabeth Borchers und Jean-Christophe Ammann.

          Als er 70 wurde und für sein ehrenamtliches Engagement die Ehrenplakette seiner Vaterstadt Frankfurt bekam, fragte er sich und andere nach dem Grund seines Einsatzes: "Warum tut man das? Eigentlich möchte man nur vor sich selber einigermaßen passabel dastehen." Auch hier also blieb Rüdiger Volhard konsequent unsentimental. Das ist vielleicht das Beste an ihm.

          PETER LÜCKEMEIER

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