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: Ein Hering schwimmt im Rhein

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was. ASSLAR. Eine Pilotanlage im mittelhessischen Aßlar soll einen Beitrag leisten, ein europäisches Projekt zur Wiederansiedlung des Maifisches im Rhein weiter voranzubringen, und damit den Erhalt dieser stark gefährdeten Spezies langfristig sichern helfen.

          was. ASSLAR. Eine Pilotanlage im mittelhessischen Aßlar soll einen Beitrag leisten, ein europäisches Projekt zur Wiederansiedlung des Maifisches im Rhein weiter voranzubringen, und damit den Erhalt dieser stark gefährdeten Spezies langfristig sichern helfen. Die Becken in Aßlar dienen nicht nur der Aufzucht von Jungfischen, die später im Rhein ausgesetzt werden sollen, sondern es geht mit der Inbetriebnahme dieser Anlage erstmals auch darum, Mutterfische zu halten, also in Hessen selbst eine Zucht zu betreiben.

          Bislang stammt der hierzulande aufgezogene Nachwuchs des Maifisches aus Aquitaine, der südwestfranzösischen Partnerregion Hessens, wo man sich im Zuge des internationalen Wiederansiedlungsprojekts auf die Zucht von Larven spezialisiert hat. Für die neue Anlage in Aßlar hat sich eine Art konzertierter Aktion von Wirtschaft, Politik und Naturschutz herausgebildet. Die Becken bekommen ihren Standort auf dem Firmenareal Hermann Hofmann Gruppe, die in der Kommune bei Wetzlar Abfälle wieder aufbereitet und für die Zuchtanlage einen Teil ihres Areals zur Verfügung stellt. Unterstützt von Lahn-Dill-Kreis, dem Land Hessen und dem Landesamt für Natur, Umwelt und Naturschutz in Nordrhein-Westfalen als Koordinator des Projekts in Deutschland, kümmert sich die Interessengemeinschaft Lahn, ein Zusammenschluss von Fischereivereinen und Naturschutzgruppen aus Hessen und Rheinland-Pfalz, um die Aufzucht der Fische.

          Der Maifisch zählt zu den Heringsarten, wird bis zu 70 Zentimeter lang und bis zu drei Kilogramm schwer. Den größten Teil seines Lebens verbringt der Maifisch im Meer, vor allem in den Küstengewässern von der Ostsee bis ins Mittelmeer. Wie der Lachs kommt der Maifisch einmal in Leben zurück in die Flüsse. Im Alter von drei bis fünf Jahren wandert er, vornehmlich im Mai - daher sein Name, in Schwärmen mehrere hundert Kilometer die Flüsse hinauf, um sich während warmer Frühjahrsnächte auf Kiesbänken fortzupflanzen, wo die weiblichen Tiere bis zu 400 000 Eier ablegen. Danach sterben die erwachsenen Fische. Die Jungtiere schlüpfen schon nach wenigen Tagen und wandern im Herbst in Richtung Flussmündungen. Meist noch bevor sie das erste Lebensjahr vollendet haben, schwimmen sie aus den Flussdeltas weiter ins Meer.

          In Deutschland kam der Maifisch früher vor allem im Rhein, aber auch in Weser, Elbe und Ems und deren Nebenflüssen häufig vor und war ein begehrter Speisefisch. In Hessen bildete der Fang des Maifisches für die Rhein- und Mainfischer einst eine einträgliche Einnahmequelle. Aber schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts ging die Population stark zurück. Dazu trugen neben Überfischung Wasserverschmutzung als Folge der fortschreitenden Industrialisierung bei. Flussbegradigungen führten zu Verlusten von immer mehr Laichplätzen. Hinzu kamen Projekte zur Wasserregulierung, viele Staustufen erwiesen sich für die Wanderfische als unüberwindliche Hürden. Die Folge: Die Fangmenge sank in nur wenigen Jahrzehnten vor allem im Rhein auf zum Teil ein Zehntel früherer Erträge. In den meisten Bundesländern ist der Maifisch mittlerweile seit Jahrzehnten verschwunden. Auch in den Küstengewässern sanken die Bestände, so dass der Maifisch auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten gesetzt wurde.

          Seit Mitte des vergangenen Jahres steuern Politik und Gewässerschützer gegen. Nachdem sich die Wasserqualität des Rheins deutlich gebessert hatte, wurde 2008 das EU-Life-Projekt "Wiederansiedlung des Maifisches im Rheinsystem" initiiert, an dem sich die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Hessen sowie die Niederlande und Frankreich beteiligen. Mit finanzieller Unterstützung aus dem Fonds für Natur- und Umweltschutzprojekte der Europäischen Union werden Larven der Heringsart in Frankreich gezüchtet und an zuvor kartierten Stellen im Rhein und an den Unterläufen einiger seiner Zuflüsse ausgesetzt. Bislang sind nach Angaben aus dem hessischen Umweltministerium mehr als sieben Millionen der wenige Zentimeter großen Laven in die Fließgewässer entlassen worden, in Hessen zuletzt im Frühjahr im Rhein beim Europareservat Kühkopf-Knoblochsauche. Im vergangenen Jahr wurden im Rhein erstmals seit 1950 wieder nennenswerte Vorkommen von Jungfischen nachgewiesen. Nach Ansicht von Fachleuten kann aber von einer sich selbst reproduzierenden Population noch nicht gesprochen werden, so dass begleitender Besatz mit Zuchttieren auch in den nächsten Jahren erforderlich bleiben wird, wie es heißt.

          Dazu will die Anlage in Aßlar beisteuern, zunächst für fünf Jahre. In einem ersten Schritt werden dort aus Frankreich importierte Larven zu erwachsenen Fischen aufgezogen. Als Elternfische sollen sie dann ihrerseits Nachkommen für den Besatz im Rhein produzieren. Spätestens 2015, so hoffen die Betreiber, schwimmen die ersten Jungfische aus Mittelhessen in den Becken.

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