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: Die Wundertüte ist weg

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FRANKFURT. São Paulo, Frankfurt, Moskau. Die Weltreise von Caio führt in die russische Hauptstadt. Was schon am späten Dienstagabend die Runde machte, verfestigte sich am Mittwoch: Der 24 Jahre alte Brasilianer verdient zukünftig sein Geld als Fußballprofi bei Dynamo Moskau.

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          FRANKFURT. São Paulo, Frankfurt, Moskau. Die Weltreise von Caio führt in die russische Hauptstadt. Was schon am späten Dienstagabend die Runde machte, verfestigte sich am Mittwoch: Der 24 Jahre alte Brasilianer verdient zukünftig sein Geld als Fußballprofi bei Dynamo Moskau. Caio Cesar Alves dos Santos, genannt Caio, hat der Eintracht schon den Rücken gekehrt, den medizinischen Check beim letztjährigen Tabellensiebten der ersten russischen Liga in Rom (!) absolviert und befindet sich bereits im Trainingslager seines neuen Arbeitgebers in der Türkei. Vor knapp drei Wochen ist Caio schon einmal an der türkischen Riviera gewesen. Da stand, wie jetzt bekanntwurde, schon längst fest, dass seine drei Frankfurter Jahre dem Ende zugehen. "Wir sind seit zwei Monaten um einen Transfer bemüht gewesen", bestätigte Heribert Bruchhagen am Mittwoch.

          Der Vorstandschef der Eintracht Frankfurt Fußball AG, der sich in Personalunion auch und vor allem als Manager um Zu- und Abgänge im Lizenzspielerkader kümmert, landete mit der Veräußerung von Caio einen Coup. Dem Vernehmen nach erhält die Eintracht eine Ablösesumme von drei Millionen Euro. In enger Absprache mit Trainer Michael Skibbe, mit dem sich Bruchhagen seit Dezember über einen Transfer Caios einig geworden sei, "habe ich einen Markt für Caio hergestellt", wie Bruchhagen sagte. Dabei habe er auf sein umfangreiches Netzwerk im Profifußball gebaut. Um den Plan, sich von Caio zu trennen, überhaupt nicht erst publik zu machen, "habe ich versucht, es im Alleingang zu machen". Damals, als Caio unter großem Getöse im Januar 2008 von Palmeiras São Paulo zur Eintracht wechselte, spielte Bruchhagen Doppelpass mit dem Spielerberater Roger Wittmann. Und auch jetzt war Wittmann dabei, einen seiner vielen Klienten für einen neuen Klub interessant zu machen. Die Hoffnung der Macher von Dynamo: Sie trauen Caio eine Spielmacherrolle zu, der der Südamerikaner in Frankfurt nicht gerecht werden konnte. In Moskau verdient mit dem ehemaligen deutschen Nationalspieler Kevin Kuranyi ein weiterer Wittmann-Schützling sein Geld - und wartet zukünftig auf Vorlagen des neuen Mitspielers.

          Dass Caio nach dem missglückten Abenteuer Bundesliga Deutschland den Rücken kehrt, um sein Glück im riesigen Russland zu suchen, empfindet der Eintracht-Manager als "Verlust". Für den Brasilianer wurden vor drei Jahren 3,8 Millionen Euro gezahlt, was gemeinsam mit dem einstigen Transfer des Ungarn Lajos Detari alle bisherigen Frankfurter Größenordnungen sprengte. "Sportlich ist Caio eine Wundertüte. Er ist ein guter, facettenreicher Spieler mit einer großen Leistungsamplitude. Wegen Müller oder Schulze kommt keiner zu uns ins Stadion", sagte der Eintracht-Manager. "Wegen Caio aber sind sie gekommen, um überrascht zu werden." Es war die Sehnsucht nach internationalem Fußball, die Fans wie Verantwortliche zu wohlwollenden Anhängern des Fußballs der Marke Caio werden ließen. Seine Traumtore gegen Cottbus, Karlsruhe und Leverkusen sind im Gedächtnis haftengeblieben. Videozusammenschnitte eben dieser trefflichen Auftritte sind übrigens in diesen Tagen auf russischen Internetseiten in Hülle und Fülle zu finden, auf die auch die Dynamo-Verantwortlichen einen Blick geworfen haben dürften. Andererseits: Von dem unbekümmerten Südamerikaner, der es in seinen siebzig Bundesligaeinsätzen auf acht Tore brachte, hatte man sich mehr erhofft - sicherlich auch Bernd Hölzenbein, der als Chefscout und Vorstandsberater nach vier Besuchen in Brasilien den Transfer empfohlen hatte. Als Caio damals am 15. Januar 2008 auf dem Frankfurter Rhein-Main-Flughafen landete, wurden seine Künste mit denen Michael Ballacks verglichen. Für Caio sei das "eine Ehre" gewesen. Seine Distanzschüsse wurden mit "Kanonenschlägen" gleichgesetzt.

          Nun also ist er weg, und nach Auskunft von Verhandlungsführer Bruchhagen "wollte er unbedingt weg. Er ist mir mit großer Entschlossenheit entgegengetreten", sagte der Manager, der selbst von Caios Spiel in den drei gemeinsamen Jahren hin- und hergerissen war. "Caio hat für uns Spiele gedreht und Hoffnungen geweckt. Aber er hat uns auch enttäuscht. Wir haben abgewogen und lassen ihn nun gehen. Es ist der richtige Entschluss."

          Aus sportlichen und wirtschaftlichen Gründen nachvollziehbar ist auch, dass in diesen umtriebigen Tagen des Winterschlussverkaufs weitere Profis die Eintracht verlassen. Nach den schon getätigten Transfers von Marcos Alvarez (zu den Bayern-Amateuren) und Cenk Tosun (Gaziantepspor/Türkei) wurden am Tag, als Caio ging, auch die Abgänge von Markus Steinhöfer (FC Basel) und Ümit Korkmaz (VfL Bochum, ausgeliehen) endgültig bestätigt. "Jetzt haben wir uns verschlankt", sagte Bruchhagen zu den vor Weihnachten angekündigten Personalmaßnahmen. "Man muss aber auch sagen, dass sie alle bei uns nicht gerade eine dominante Rolle gespielt haben." Neue Klubs, neues Glück? Man darf besonders im Falle Caios gespannt sein, was das Abenteuer Moskau bringt.

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