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: Der poetische Impuls

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"Nanook", wie die Inuit den Eisbären nennen, ist starke Medizin: ein spiritueller Begleiter der Schamanen, ein kreativer Impulsgeber der Dichter. Kein Wunder, dass sich Martin Mosebach einem Eisbären anvertraut hat, wenn auch nur einem präparierten Exemplar im Magazin des Senckenbergmuseums.

          "Nanook", wie die Inuit den Eisbären nennen, ist starke Medizin: ein spiritueller Begleiter der Schamanen, ein kreativer Impulsgeber der Dichter. Kein Wunder, dass sich Martin Mosebach einem Eisbären anvertraut hat, wenn auch nur einem präparierten Exemplar im Magazin des Senckenbergmuseums. Ein Eisbär war es, der Theodor Lerner, den Helden seines Romans "Der Nebelfürst", wie ein Seelenführer leitmotivisch begleitet, denn in Lerners Tagebüchern war der Frankfurter Schriftsteller auf eine Notiz über ein Eisbär-Diorama gestoßen. Oder? Als sich Mosebach jedenfalls mit dem Fotografen Alexander Paul Englert in das Naturkundemuseum begab, fanden sie dort kein Eisbär-Diorama. Es hat dort auch nie eines gegeben. Vielleicht war der Eisbär in Mosebachs Kopf schon da gewesen, bevor dem Autor die Tagebücher in die Hand fielen.

          Auf dem Bild im Arkadensaal des Frankfurter Goethe-Museums hebt der Eisbär seine Pranke, als wollte er den Dichter segnen statt zermalmen. So etwas nannten die alten Römer "momentum": Bewegungskraft. "Momentum" hat der Fotograf seine Ausstellung über "Dichter in Szenen" genannt, die er hier gemeinsam mit seiner Schwester, der Schauspielerin und Regisseurin Barbara Englert, und der Dramaturgin, Autorin und Übersetzerin Jutta Kaußen eingerichtet hat. Jeder der drei steuerte sein oder ihr Bestes bei: Kaußen den Umgang mit Autoren und deren Texten, Barbara Englert die Inszenierung des inspirierenden Moments und Alexander Paul Englert die fotografische Visualisierung. Zu Hilfe kam ihnen immer wieder der Zufall mit passenden Motiven.

          Wie bei Andreas Maier, der in seinen Romanen "Kirillow" und "Sanssouci" Massenszenen meisterte und sich nun als Eintracht-Fan vor der Commerzbank-Arena fotografieren ließ. Als ihm Englert zurief, er solle die Sonnenbrille abnehmen, blieb der Autor stehen und hielt sich die Hand hinters Ohr: "Ein Fels in der Brandung", findet die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, Anne Bohnenkamp-Renken. Ohne eigenen Ausstellungsetat, konnte sie den Künstlern nicht mehr als die Logistik zur Verfügung stellen. Aber sie hofft, mit dieser Ausstellung die Museumsbesucher zum Lesen zu animieren. Als Kostprobe liegen daher die Textpassagen, auf die sich die Fotografien beziehen, auf Papphockern unter den jeweiligen Bildern.

          Etwa ein erotisches Gedicht von Silke Scheuermann aus ihrem Lyrikband "Über Nacht ist Winter". Ein tätowierter Mann, der an einem Café vorbeiging, hatte die Autorin zu diesen Versen angeregt. Nun kuschelte sie für den Fotografen wie ein keckes deutsches Gretchen neben so einem lebendigen Ganzkörperkunstwerk vor einer ebenso barocken Tapisserie. Hanne Kulessa wiederum lotste den Fotografen und sein Team nach Wiesbaden in die Spielbank, wo sich der Held ihres neuen, noch unveröffentlichten Romans aufhielt. Mit insgesamt 32 Autoren - darunter Josef Winkler, Wilhelm Genazino, Robert Menasse, Ingo Schulze und Durs Grünbein - haben die drei Künstler zusammengearbeitet, sie besucht und begleitet, um sie "zwischen Werk, Bild und Realität" zu inszenieren, wie es treffend im Katalog heißt.

          Am Sonntag wird die Ausstellung um 11 Uhr eröffnet und ist bis zum 8. Januar 2012 täglich von 10 bis 18 Uhr sowie sonn- und feiertags von 10 bis 17.30 Uhr zugänglich.

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