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Reproduktionsmedizin : Die neuen Weltbürger

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Zwischenglieder in der globalen Fortpflanzungskette: Leihmütter in Indien Bild: Massimiliano Clausi/laif

Die globalisierte Fortpflanzungsmedizin lässt den Kinderwunsch-Tourismus boomen. Mit merkwürdigen Auswüchsen, wie jüngst ein Beispiel zeigte. Welche Regeln gelten auf diesem Markt?

          Im Jahr 1978 wurde Louise Brown geboren, ein Ereignis, das weltweit Schlagzeilen machte. Hier war das erste Kind in der Menschheitsgeschichte, das außerhalb des Mutterleibes gezeugt worden war - eine medizinische Sensation. Die Aufregung war groß. In Medien und Politik, in Wissenschaft und Öffentlichkeit wurde darüber gestritten, ob die Zeugung außerhalb des Mutterleibes Fortschritt war oder Frevel.

          Ein paar Jahrzehnte später ist die In-vitro-Fertilisation Normalität geworden. Heute sind es Weiterentwicklungen der Reproduktionsmedizin, die Schlagzeilen machen: „70-jährige Inderin wird Mutter von Zwillingen“ - „Embryo mit zwei Müttern und einem Vater geschaffen“ - „Schwules Paar bestellt Kind bei Leihmutter in Russland“. Welche Auswüchse diese Entwicklung nehmen kann, zeigte sich jüngst, als ein australisches Ehepaar sein von einer thailändischen Leihmutter austragenes Kind abholte und von dem geborenen Zwillingspaar nur das Mädchen mit nachhause nahm. Der herzkranke und behinderte Junge blieb in Thailand zurück.

          In der Verbindung von Medizin, Biologie und Genetik eröffnen sich ganz neue Formen des Eingriffs in das menschliche Leben, eine Transformation von Fortpflanzung und Elternschaft, die noch vor drei Jahrzehnten unvorstellbar erschien. Das Verfahren, das zunächst für ein eng definiertes Anwendungsgebiet gedacht war - es sollte Ehepaaren helfen, die wegen eines Eileiterverschlusses der Frau nicht zum ersehnten Kind kommen konnten -, hat eine biologische Fragmentierung von Elternschaft eingeleitet, die Trennung von Zeugung, Schwangerschaft und Geburt.

          Der Kinderwunsch ist zum internationalen Geschäft geworden

          Zugleich haben sich die Optionen und Klientengruppen erweitert. Nicht mehr nur die ungewollt kinderlosen Ehepaare suchen jetzt Hilfe bei der Reproduktionsmedizin. Auch andere Gruppen drängen jetzt auf ihre Hilfe, Männer und Frauen, die im biologischen Sinn nicht unfruchtbar sind - zum Beispiel Alleinstehende; schwule und lesbische Paare; Paare, die das Geschlecht ihres Kindes bestimmen wollen; Frauen im Pensionsalter, die nach der Karriere noch auf Mutterglück hoffen; oder junge Frauen, die eigene Eizellen einfrieren lassen, um die biologische Uhr aufzuhalten.

          Den von der Reproduktionsmedizin angebotenen Optionen stehen je nach Land unterschiedliche rechtliche und finanzielle Hindernisse entgegen. Während einige Länder fast alles technisch Mögliche auch erlauben, setzen andere Länder, zum Beispiel Deutschland, klare gesetzliche Grenzen. Darüber hinaus sind die Behandlungsverfahren technisch aufwendig und teuer - wobei die Kosten im internationalen Vergleich höchst unterschiedlich ausfallen.

          Vor diesem Hintergrund ist ein schnell expandierenden Kinderwunsch-Tourismus in Gang gekommen: Wer im eigenen Land auf Hindernisse stößt, kann anderswo günstigere Voraussetzungen finden. Globalisierung wird zur Chance für diejenigen, die ihren Kinderwunsch auf keinen Fall aufgeben wollen. Der Kinderwunsch ist so zum internationalen Geschäft mit hohen Zuwachsraten, charakteristischen Routen und Zielorten geworden. Weltweit bilden sich Zentren heraus, die auf bestimmte Behandlungswünsche und Kunden spezialisiert sind.

          Die neuen Weltbürger als Überwinder nationaler Gegensätze

          So ist Kopenhagen für lesbische Paare und alleinstehende Frauen attraktiv, Belgien gehört in Europa zu den Ländern mit den geringsten gesetzlichen Beschränkungen, und Indien wird zum Welt-Standort für Leihmutterschaft. Je nach gewünschter Behandlung und finanziellen Ressourcen fahren Deutsche in die Türkei, Ägypter in den Libanon, Bürger der Vereinigten Staaten nach Rumänien. Deutsche Frauen lassen sich die Eizellen spanischer Frauen einpflanzen, Amerikanerinnen holen sich in Italien oder Griechenland Eizellen ab. Kinder werden zu einem Joint-venture-Produkt, in dem sich spanische Eizelle, Sperma aus Dänemark und indische Leihmutter verbinden.

          Wo dies geschieht, entstehen neuartige transnationale Verwandtschaftsverhältnisse, und dies nicht auf der Makroebene von Wirtschaft und Politik, sondern im innersten Kern der Familie. Ob das schwule Paar aus Oslo, das im Labor eigenes Sperma mit den Eizellen einer Ukrainerin mixen und die Embryonen von einer indischen Leihmutter austragen lässt; ob die sechzig Jahre alte Bankerin in New York, die nach erfolgreicher Karriere ihren Kinderwunsch entdeckt und in einschlägigen Katalogen sich einen kalifornischen Samenspender und eine russische Eispenderin aussucht - mit Hilfe der globalisierten Reproduktionsmedizin werden Weltbürger in einem ganz neuen Sinne gezeugt.

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