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Rentenmärkte : Das Fieber auf den Anleihemärkten sinkt

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Bild: F.A.Z.

Erstmals seit Beginn der Finanzkrise sind die Risikoprämien für riskante Anlagen gefallen. Für eine Entwarnung ist es aber noch zu früh. Die größte Schwierigkeit bleibt die Liquidität, der Geldmarkt ist weiterhin gestört.

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          Stellt man sich die Finanzmärkte in ihrer Krise als einen Patienten mit schwerer Lungenentzündung vor, dann ist das Bulletin derzeit erfreulich: Die Fieberkurve sinkt. Maßstab ist in diesem Fall zum Beispiel der Itraxx-Crossover, ein europäischer Index, der die Risikoprämien von Kreditversicherungen für 50 besonders wackelige Schuldner abbildet.

          Nach dem Ausbruch der vom amerikanischen Hypothekenmarkt ausgehenden Finanzmarktkrise war der Index von 200 auf nahezu 500 Basispunkte gesprungen. Inzwischen hat sich dieser Wert halbiert und liegt derzeit bei rund 250 Basispunkten. Für die Absicherung eines im Itraxx-Crossover vertretenen Schuldners müssen jährlich also nur noch etwa 2,5 Prozent der Versicherungssumme aufgewendet werden.

          Derivate besonders volatil und allein kein verlässliches Signal

          Allerdings sind diese Derivate besonders volatil und allein kein verlässliches Signal. Aber auch auf anderen Märkten für riskante Zinsanlagen entspannt sich - parallel zu den Kursgewinnen der Aktienmärkte - die Lage. So sind in den vergangenen Wochen die Preise für Anleihen aus Schwellenländern wieder gestiegen. Dadurch ist der durchschnittliche Renditeabstand zu amerikanischen Staatsanleihen, den man als Entschädigung des Käufers für das höhere Risiko verstehen kann, von 2,4 auf 1,9 Prozentpunkte gefallen. Vor Beginn der Finanzkrise lag dieser Wert noch bei knapp 1,5 Prozentpunkten und hatte damit einen historischen Tiefstand erreicht. Bei Unternehmensanleihen ist das Bild ähnlich. Euro-Titel mittlerer Qualität mit einem BBB-Rating versprechen derzeit einen Renditeaufschlag von etwa einem Prozentpunkt im Vergleich zu deutschen Staatsanleihen. Das ist zwar doppelt so viel wie vor der Krise, aber spürbar weniger als auf ihrem Höhepunkt. Da waren zwei deutsche Banken in Schwierigkeiten geraten; verängstigte Sparer standen vor britischen Immobilienbanken Schlange, und die Investmentbanken meldeten reihenweise riesige Wertberichtigungen. Bei Merrill Lynch waren es zum Beispiel mehr als 5 Milliarden Dollar, bei der Deutschen Bank mehr als 2 Milliarden Euro. Inzwischen werden diese Abschreibungen trotz ihrer Höhe als gute Nachricht gewertet. Nach dem Motto: Es hätte noch viel schlimmer kommen können.

          Hat sich also alles wieder normalisiert? "Schön wäre es ja", sagt Jochen Felsenheimer, Kreditstratege der Bank Unicredit. Es gebe auch Anzeichen der Stabilisierung. "Aber die größte Schwierigkeit bleibt die Liquidität." Die soliden Banken hätten mehr als genug davon, "aber sie geben das Geld nicht her und verleihen es nicht an schwächere Banken". Und so bleibt der Geldmarkt weiterhin gestört. Die Sätze für unbesicherte kurzfristige Leihgeschäfte liegen nach wie vor 0,7 bis 0,8 Prozentpunkte höher als der Leitzins der Europäischen Zentralbank. Das ist Ausdruck des Misstrauens, das die Banken immer noch gegeneinander hegen. Der Markt für strukturierte Kreditprodukte (CDO) ist in weiten Teilen zum Erliegen gekommen.

          Die größte Schwierigkeit bleibt die Liquidität

          Wenn sich der Verbriefungsmarkt nicht bald normalisiere, werde für manche Banken die Refinanzierung schwierig, wie schon im Fall Northern Rock, warnt Felsenhauer. Es komme außerdem darauf an, ob es Zweitrundeneffekte geben werde. Die höheren Finanzierungskosten der Banken könnten dazu führen, dass mehr Unternehmen keine Kredite mehr erhalten. Davon seien vor allem Gesellschaften mit einem hohen Fremdkapitalanteil betroffen, die ohnehin höhere Zinsen zahlen müssen. Die Inkubationszeit für eine solche Ansteckung sei lang, es könne also noch Rückschläge geben.

          Auch Klaus Holschuh, Leiter des Research der DZ Bank, warnt vor einer voreiligen Entwarnung. In den ersten Wochen der Finanzkrise hätten viele Händler Abwehrkurse verlangt, zu denen nur wenig gehandelt worden seien. Verkauft hätten nur die Verzweifelten. Die derzeitige Entspannung auf den Kreditmärkten und der Rückgang der Risikoprämien sei der Versuch, einen Marktpreis zu finden. Das sei ein gutes Zeichen.

          Gleiches gelte für Neuemissionen auf dem Anleihemarkt. So hat sich Volkswagen am Dienstag mit einer Milliardenanleihe gezeigt. "Aber andere wichtige Märkte funktionieren noch nicht wieder", sagt Holschuh. So sei über besicherte kurzlaufende Schuldtitel (Asset Backed Commercial Paper), ein Markt mit einem Volumen von 2000 Milliarden Dollar, derzeit kaum eine Finanzierung möglich. Eine wirkliche Bewältigung der Krise werde wohl noch einige Monate dauern.

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