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: U-Boot-Party im Hurenhaus

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Und jetzt alle: We all live in a yellow submarine, yellow submarine, yellow submarine." Gereckte Fäuste schwenken Bierbuddeln hin und her wie Feuerzeuge im Popkonzert. Im Mittelgang flimmern Schwarzweißbilder vom Hamburger Kiez über den Monitor.

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          Und jetzt alle: We all live in a yellow submarine, yellow submarine, yellow submarine." Gereckte Fäuste schwenken Bierbuddeln hin und her wie Feuerzeuge im Popkonzert. Im Mittelgang flimmern Schwarzweißbilder vom Hamburger Kiez über den Monitor. Ältere Herren und Damen wiegen sich in den Sitzreihen, scheren sich nicht um Tonlage oder Phrasierung, hauen den Text des Klassikers mit kehliger Lust heraus. Ihre Gesichter glänzen wie in Jugendtagen. Der Bus rockt.

          Jeden Freitagabend springt die Uhr an der Waterkant ein halbes Jahrhundert zurück. Aus Glatzen werden Tollen, aus Hüftspeck Wespentaillen. Es ist auf einmal wieder wie damals: Große Freiheit, Star Club, durchgemachte, heiße Nächte - weißt du noch? Magical History Tour nennt sich der motorisierte Trip durch eine Zeit, als Musiktrends noch in ebenso verrauchten wie verruchten Rotlichtclubs kreiert wurden, als Funken elektrisch verstärkter Gitarren und der Schweiß der Musiker von der Bühne direkt auf die jubelnden Fans davor niedergingen. Alles war möglich, auch dass im Jahr 1960 in einem zwielichtigen Striplokal, dem Indra auf St.Pauli, der Aufstieg einer Rock-and-Roll-Combo aus Großbritannien zur größten Band aller Zeiten begann - The Beatles.

          Dank Stefanie Hampel wirkt deren Magie der ersten Jahre noch heute. Sie führt ihre Gäste auf den Spuren der Fab Four durch das nächtliche Hamburg, kennt alle Anekdoten, weiß, wo die Teenager aus Liverpool spielten, hausten, liebten und soffen. Auf Ukulele und Gitarre intoniert sie während der Busfahrt die größten Hits und kaum gespielte Titel aus dem immensen Repertoire der Beatles. Im Jahr 1986 hörte sie zum ersten Mal deren Songs auf einer Kassette ihres Vaters. Da war sie neun Jahre alt und lebte in der DDR. Liebe auf den ersten Ton und ein Erweckungserlebnis sei das gewesen, sagt die Mecklenburgerin, die seitdem nur noch Musik machen wollte und inzwischen ein riesiges Archiv über die Band zusammengetragen hat. Stefanie Hampel war es auch, die Beatles-Führungen erfand, nachdem sie an die Elbe gezogen war. Zuerst nur zu Fuß in St.Pauli, seit vergangenem Jahr auch durch die Innenstadt in ihrem "rollenden Konzertsaal", in den sich der Reisebus für eineinhalb Stunden verwandelt.

          Schnell stellt sich dabei auch heraus, dass Hamburg zu Beginn der sechziger Jahre nichts weniger als die Wiege einer Kulturepoche war. Hierher kamen unbekannte Bands aus dem britischen Liverpool, um mit verstärkten Gitarren und hämmernden Drums groß herauszukommen und Geld zu verdienen. Sänger wie Tony Sheridan und Rory Storm & The Hurricanes stiegen zu Stars auf und prägten einen Musikstil, den sie "Hamburg Sound" nannten und der als Beatmusik bald wie eine Droge die Jugend der Welt in Ekstase versetzen sollte. Im Hafenmilieu von Hans Albers war man traditionell nicht zimperlich, wenn es um Schräges und Anrüchiges ging. "Mach Schau, Beatles!", brüllte der Besitzer des Indra den gerade angekommenen Hänflingen auf der Bühne immer wieder zu, die ihm anfangs nicht wild genug agierten und deren Programm nur für eine Stunde reichte - genug für Großbritannien mit seiner Sperrstunde um elf Uhr abends, nicht aber für die nachts pulsierende Hansestadt. Immerhin zahlte er ihnen dreißig Mark pro Kopf und Abend inklusive Übernachtung in einem fensterlosen Raum im Bambi-Kino, das vormittags, wenn die Musiker erschöpft ins Bett fielen, Kinderfilme zeigte.

          Auch die Pilzkopffrisur entstand an der Elbe. Ur-Beatle und Bassist Stuart Sutcliffe hatte sich in die Hamburger Fotografin Astrid Kirchherr verliebt, die den Existentialisten angehörte und die ersten Profiaufnahmen der Musikgruppe machte. Sie kleidete ihren Freund ganz in Schwarz ein und kämmte ihm die Elvis-Tolle im Stil der "Exis" nach vorne über die Stirn ins Gesicht. Die anderen Mitglieder der Band zogen bald nach, weil sie sich so von konkurrierenden Musikgruppen unterscheiden konnten, und machten damit einen Haarschnitt populär, der als "mop-top" global Erfolge feierte. Nur der Schlagzeuger Pete Best wollte keine Fransen im Gesicht und wurde bald durch Ringo Starr ersetzt.

          Jahrzehntelang hat sich Hamburg um St.Paulis stilbildende Sturm-und-Drang-Jahre nicht geschert. Und das, obwohl die Stadt ebenso lang gegen St.Paulis Image als Schmuddelviertel und Hurenhaus der Welt anruderte. Das Kinderzimmer der Beatles gewesen zu sein und - ganz anders als das clevere Liverpool - dieses touristische Potential zu ignorieren war entweder grandioses hanseatisches Understatement oder nur peinliches Desinteresse. Jürgen Rau tippt auf Letzteres. Der Journalist und frühere Manager verschiedener Musikverlage ist erschüttert darüber, wie wenig in Hamburg bis vor kurzem an jene Zeit erinnerte. Das Top Ten, in dem die Band achtundneunzig Nächte in Folge spielte - nur noch eine Erinnerung. Der Star Club, in dem die Beatles den Welthit "Love me do" erstmals sangen - abgebrannt und nie wieder aufgebaut. Der Kaiserkeller, dessen Betreiber den minderjährigen George Harrison bei der Polizei verpfiff, als die Beatles abhauen und im Top Ten anheuern wollten - heute Teil eines anderen Clubs. Und dass sich in der Star-Club-Etage des Hotels Pacific einst neben den Fab Four Fats Domino, Chuck Berry, Jimi Hendrix und Bill Haley die Klinke in die Hand gaben, steht noch nicht einmal auf der Internetseite des Hotels. Ein paar Plaketten, fast schamhaft versteckt angebracht, mehr Spuren der Musikgrößen findet man nicht.

          Jürgen Rau hat nicht zuletzt deshalb "Rock 'n' Roots", eine Enzyklopädie der Hamburger Musikszene, in der die wilden sechziger Jahre einen wichtigen Platz einnehmen, geschrieben. Ihm und wenigen anderen Enthusiasten ist es zu verdanken, dass, wenn auch nach jahrelangem Gezerre mit dem Senat, im Jahr 2008 endlich der Beatles-Platz vor der Großen Freiheit gebaut wurde, für den allerdings Sponsoren die Hälfte der notwendigen Kosten aufbringen mussten. Dessen kreisrunde Form erinnert an eine Vinyl-Schallplatte. Mit den - inklusive Stuart Sutcliffe - fünf Silhouetten der Musiker und in den Boden eingelassenen Titeln ihrer Hits ist er inzwischen ein Besuchermagnet. Nur ein paar Schritte weiter hat im vergangenen Jahr das Beatlemania eröffnet, ein phantastisch verschrobenes Privatmuseum im Flower-Power-Stil voller Memorabilia und witziger Multimedia-Einfälle. Und rechtzeitig zum fünfzigjährigen Jubiläum versucht sogar der Indra Musikclub, in dem die Beatles am 17. August 1960 ihren ersten Bühnenauftritt hatten, ein Comeback.

          Die Magical History Tour lässt keinen dieser Orte aus. Und wenn über den Busmonitor Szenen der Straßenschlachten flimmern, die sich Polizei und Fans im Jahr 1966 beim letzten Fab-Four-Konzert vor der Ernst-Merck-Halle lieferten, findet sich regelmäßig jemand unter den Gästen, der laut ruft: "Ich war dabei!" Und Entzücken glänzt in seinen Augen, genau wie damals.

          Information: Die Magical History Tour findet jeweils freitags um 20 Uhr statt, Abfahrt ist am Beatlemania, das Ticket kostet 22 Euro, 27 Euro inklusive Beatlemania Museum, im Internet unter www.harries-solution.com/musictour; Beatlemania, Nobistor 10 (Reeperbahn), täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet, Eintritt 12 Euro, im Internet unter www.beatlemania-hamburg.com; "Rock 'n' Roots", Musikszeneführer und Beatlesguide, Preis 14,95 Euro, www.rocknroots.de

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