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Superlative im Schnee 7 : Rettungslos in Namlos

  • -Aktualisiert am

Der Name scheint alles zu sagen. Doch er ist – sehr zum Leidwesen der Namloser – ein Trugschluss Bild: Olaf Tarmas

Viel zu viel Schnee und die ständige Angst vor der Arschlawine: Ein kleines, unbeugsames Dorf zwischen Lechtal und Zugspitze kämpft gegen sein Verschwinden.

          7 Min.

          Namlos, das passt. Seit wir angekommen sind, verschwinden die Berge in einem milchig trüben Nichts, einem wattigen Weiß, aus dem es unaufhörlich rieselt, mal still und perlig, mal in dichten Flocken wirbelnd. Aber immer gleicht der Blick aus dem Fenster der Pension dem auf einen Fernseher mit Bildstörung. Die einzigen Farbflecken im großen Weiß bilden die rostroten Holzschindeln der Zwiebelhaube auf dem Kirchturm und das blassgelbe Kirchenschiff darunter.

          Dreiundneunzig Einwohner hat das österreichische Dorf zwischen Lechtal und Zugspitze, ohne den drei Kilometer entfernten Ortsteil Kelmen sogar nur fünfzig. Doch der Ortsname habe nichts mit der Winzigkeit und schon gar nicht mit einer möglichen Gesichtslosigkeit des Dorfes zu tun, wie alle Namloser, die wir treffen, uns standhaft versichern. Vielmehr stamme die Bezeichnung von einem altdeutschen Wort für stark und tapfer ab. Das mussten die Namloser früher auch sein, denn bei Wetterverhältnissen wie diesen war man schnell von der Außenwelt abgeschnitten, vor allem, wenn Lawinen niedergingen. Auch in diesem Winter enden fast alle Wege schon nach wenigen Metern, entweder an einer Schranke mit Lawinenwarnung oder an einer unpassierbaren Schneebarriere. Nur die Straße in den fünfzehn Kilometer entfernten Skiort Berwang ist befahrbar, jedenfalls noch. Denn gegenüber dem Dorf liegt ein Berg, dessen Name alles bietet, was der Ortsname an Deutlichkeit vermissen lässt: Namlos liegt nämlich am Arsch, am Berg Arsch, und die Lawine, vor der sich die Namloser am meisten fürchten, ist die Arschlawine. Wenn sie abgeht, wird die letzte offene Straße verschüttet. Und wenn es ganz schlimm kommt, könnte es sogar Teile des Dorfs treffen.

          Der Schnee verschluckt den Ahnungslosen

          Erich Fuchs, Pensionswirt und zugleich Jäger, Heubauer und oberster Schneepflüger von Namlos, schlägt eine Schneeschuhwanderung vor, querfeldein bis zu einer Wildfütterungsstelle. Und so stapfen wir am Vormittag neben der Dorfkirche bergan ins gleißende Schneewolkenweiß. Schon nach drei Schritten lernen wir etwas über die Tücken dieser vermeintlich gefahrlosen Fortbewegungsart: Bis zur Hüfte brechen wir in die Schneedecke ein und verhaken uns im Laufgerät. Offenbar sind wir über die zugeschneiten Zweige einer Fichte gelaufen, unter denen sich ein Hohlraum gebildet hat. „Als Ortsfremder weiß man nie, was sich unter der glatten Schneedecke so alles verbirgt“, sagt Erich, während er uns aus dem Loch zieht. „Ein nicht ganz zugefrorener Bach oder Tümpel, und schwupps ist man weg.“

          So etwas gibt es nur noch ganz selten und in den allerletzten Winkeln der Alpen: In Namlos hat man die Wahl zwischen warmem und kaltem Wasser.
          So etwas gibt es nur noch ganz selten und in den allerletzten Winkeln der Alpen: In Namlos hat man die Wahl zwischen warmem und kaltem Wasser. : Bild: Olaf Tarmas

          Wir laufen jetzt brav in Erichs Spur, was zudem die Fortbewegung für uns ungemein erleichtert. Wir hatten schon davon gehört, wie muskelkaterprovozierend das Schneeschuhlaufen für Ungeübte ist, aber das gilt nur für den, der vorausgeht und mit jedem Schritt bis zu den Waden einsinkt. Natürlich besteht gerade darin auch der Spaß beim Schneeschuhlaufen, und so scheren wir eben doch nach einigen Metern wieder aus, um selbst durchs Weiß zu pflügen. Ab und zu bleiben wir schnaufend stehen, verharren lauschend und blicken auf die schwarzweißen, fichtengefiederten Hänge um uns herum. Nur momentweise tauchen sie aus Schneegestöber und Wolken auf, dann verschwinden sie wieder. Das tut der Wirkung der Landschaft seltsamerweise keinen Abbruch: Die Weite, die man ahnt, ist eindrucksvoller als die, die man sehen könnte.

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