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Skifahren für Feinschmecker : Der Triumph über die Tyrannei der Erbsensuppe

Die schönsten Berge, die die Natur je geschaffen hat. So nannte der berühmte Architekt Le Corbusier die Dolomiten. Wer wollte ihm widersprechen? Bild: LAIF

Für die gar nicht so seltene Spezies der Gourmet-Skifahrer ist Alta Badia in Südtirol ein alpenländischer Garten Eden. Nirgendwo sonst kann man den Genuss im Schnee und im Gaumen so leicht verbinden wie in diesem Tal. Eine Anleitung zum Glücklichsein an einem Tag.

          FRÜH MORGENS

          Das fängt ja gut an mit dem Genuss im Schnee: herzloser Weckruf um halb sieben, frühstückloser Transfer zur Gondelstation im Magenknurrenmorgengrauen, rettungslose Einsamkeit des fröstelnden Frühaufstehers an der Seilbahn von St.Kassian, denn keine Seele ist hier zu sehen - außer einer, die jetzt entweder unsere Rettung ist oder ein Henkersbote aus einem dieser Wintertotenreiche, von denen es im Sagenschatz der Dolomiten nur so wimmelt. Freundlicherweise ist Ulli trotz der unchristlichen Stunde kein Höllengeselle, sondern Hüttenwirt. Einen kleinen Höllenritt hat er trotzdem für uns vorbereitet und drückt uns mit verwegenem Blick ein Seil in die Hand, dessen anderes Ende an seinem Skidoo befestigt ist. Er werde uns jetzt zu seiner Hütte heraufziehen, wir sollten ganz locker bleiben, leichte Rücklage, angespannte Oberschenkel, so wie beim Wasserskifahren, das sei ganz einfach und werde schon irgendwie klappen. Unseren Hinweis, dass wir noch nie Wasserski gefahren sind, ignoriert Ulli mit dem Gottvertrauen des schicksalserprobten Hochgebirgsbewohners und brettert dann los, dass der Schnee nur so in Fontänen spritzt und wir uns tatsächlich fühlen, als ritten wir gerade über die Wellen eines gefrorenen Ozeans anstatt über die Pisten von Alta Badia - immerhin, der erste Jauchzer des Tages.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Nach zehn rasanten Minuten sind wir unversehrt oben angekommen und werden von Ulli in seine Hütte geführt, die auf den etwas befremdlichen Namen Las Vegas hört. Die Frage nach dem Grund dafür könne er nicht mehr hören, sagt er seufzend, aber gut, weil ihr’s seid: Die früheren Besitzer hätten Freunde in Las Vegas gehabt, das sei alles, keine Räuberpistolen, keine Cowboy-Schoten. Mit der Welthauptstadt des Illusionismus in der Wüste Nevadas hat die Hütte tatsächlich nichts zu tun, sieht man von ein paar geschmackvollen Barhockern in Gestalt nackter weiblicher Unterleiber und einer Batterie leerer Champagnerflaschen auf den Dachsimsen ab, dezente Insignien von Sünde und Sodom in der heilen Bergwelt Südtirols. Doch sie bleiben stumme Verheißungen, denn serviert wird uns jetzt ein opulentes Frühstück mit Säften statt Schaumwein und Südtiroler Bauernspeck als einziger Fleischeslust - ein Gaumenfreudenfest auf 2000 Metern Höhe, das eines ausgiebigen Morgengelages würdig wäre und uns doch wie eine gotteslästerliche Zeitvergeudung erscheint im Angesicht dessen, was sich da draußen vor den Panoramascheiben ausbreitet.

          Es muss nicht immer Jägerschnitzel sein: Dass Haute Cuisine und Hüttenessen kein Widerspruch sind, wird in Alta Badia unter Beweis gestellt.

          Als sei die ganze Welt einzig und allein für uns erschaffen und zum ewigen Besitz überantwortet worden: So fühlen wir uns, als wir die Skier wieder anschnallen und aus lauter Ehrfurcht vor der dramatischen Dolomitenkulisse fast in die Knie sinken - vor dem kolossalen Sellastock und der himmelsstürmenden Marmolada, vor dem Stein gewordenen Gottesbeweis des Heiligkreuz-Massivs und all den anderen Felsskulpturen, die sich nur für uns in schönster Sonnenaufgangspracht präsentieren. Kein Laut, kein Mucks stört die Stille der Andacht hier oben, kein Surren von Liften, kein Klappern von Stiefeln, kein Plappern von Menschen. Und erst in diesem Moment begreifen wir, welches Privileg es ist, die hochgezüchtete Bergwelt der Alpen einmal mit stillstehender Zivilisation erleben zu dürfen. Dass die zivilisierten Herrschaften mit den Pistenraupen in der Nacht ganze Arbeit geleistet haben, nehmen wir allerdings dankend hin und gleiten über makellos manikürte Pisten, so unberührt, so unbefleckt, dass wir uns fast wie Blasphemiker fühlen, die heilige Maria Immaculata vom weißen Schnee, sollte sie es denn geben, möge uns die Ketzerei verzeihen. Das fängt ja doch ganz gut an mit dem Genuss im Schnee.

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