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Perspektiven der Stadt (6): Oppenheim : Bacchus in der Unterwelt

Das oberirdische Oppenheim ist nur die Spitze des Eisbergs. Unter der herausgeputzten Altstadt verbergen sich Kellergänge von vierzig Kilometern Länge. Bild: Andrea Diener

Man sieht dem harmlosen Weinstädtchen Oppenheim nicht an, was es unter seiner Oberfläche verbirgt. Die Keller waren lange Zeit Privatsache, nun werden sie zur touristischen Attraktion.

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          Die Altstadt von Oppenheim ist eine ziemlich übersichtliche Angelegenheit. Weinbaumuseum, enge Gassen, Fachwerkhäuser im Zustand liebevoller Renoviertheit, über allem thronend die Katharinenkirche mit spätgotischem Westchor und Ossarium sowie, ein paar Weinberge weiter, die Burgruine Landskron, einst abgefackelt vom Heer des französischen Sonnenkönigs. So verwinkelt klein ist hier alles, dass man sich auch nach extensiver Weinprobe kaum verirren kann. Es geht nur hangauf- oder hangabwärts. Radfahrer in bunten Funktionsjacken machen Abstecher, die Dorfjugend hockt vor der Eisdiele, ältere Damen sitzen vor Tortenstücken im dunkelplüschigen Altstadtcafé mit eigener Konditorei. Über dem Marktplatz flattern bunte Fähnchen, Zeichen kleinstädtischer Ausschweifung. Es ist gerade Weinfest, aber am Sonntagmittag nicht viel los.

          Sehr viel größer und verwirrender als das oberirdische Oppenheim ist die unterirdische Stadt und sehr viel älter zudem. Während über dem Erdboden Spanier plünderten, Schweden okkupierten und Franzosen brandschatzten, verlagerte sich Handel und Wandel in den Untergrund, in die Keller, die die Stadt untertunneln. "Das ist hier wie ein Sieb", sagt Salvatore Albino, seines Zeichens sizilianischer Oppenheimer und Wirt der alteingesessenen Pizzeria Paperino. Gleich neben den Holzbänken vor dem Eingang seines Restaurants geht es durch eine niedrige Tür hinunter in die Katakomben, zunächst in einen großen Gewölbekeller. Es riecht nach abgestandenem Alkohol, auf den Tischen sammeln sich leere Gläser und Flaschen, Spuren einer langen Nacht. Bis um sieben Uhr morgens sei gefeiert worden, es sei ja gerade Weinfest, da könne es auch einmal früh werden, sagt Albino.

          „Zu Oppenheim gibt es tiefe Keller”, befand 1645 der Kupferstecher Matthäus Merian. Was für eine Untertreibung.

          Fünfundzwanzig große Container voll Erde

          Hinter der Bar stapelt sein Bruder Mario leere Getränkekästen. Mit einer Aufräumaktion vor fünf oder sechs Jahren habe es angefangen, erzählt Mario, nämlich mit altem Sperrmüll, der entrümpelt werden musste. Doch hinter dem Müll, der gleich dort drüben in der Ecke lag, fand sich ein gemauerter Gang, bis oben hin voll mit Erde, die habe er herausgekratzt, und dann sei es immer weitergegangen. Ein weiterer Gang, ein weiterer Keller, eine Abzweigung, alles voller Erde. Da erwachte in den Brüdern der Ehrgeiz. Immer im Winter ging es in den Keller hinunter, Erde wegkratzen und Eimer schleppen, fünfundzwanzig große Container voll, Wände befestigen, Boden glätten, Stufen mauern. Der halbe Freundeskreis wurde eingespannt. Die Albinos gruben sich unter der Straße hindurch bis unter das Haus des Nachbarn, der nichts dagegen hatte, und entdeckten immer neue Gänge. "Wenn du irgendwo anfängst, möchtest du auch mal wo landen", sagt Salvatore Albino. "Aber hier ist kein Ende." Bis jetzt gehören etwa fünfhundert Meter Gang zu dem Labyrinth unter der Pizzeria Paperino. Fast alle Stollen werden genutzt, sind mit Kerzen, Weinflaschen und Nippes dekoriert, ein Raum mit Abluftschacht dient als Rauchergrotte. Momentan gönnen sich die Albinos eine selbstverordnete Pause, denn das sei ja wie eine Sucht. Und da drüben gehe es auch noch weiter, da wisse man nicht, was dahinter sei, ein Brunnen vermutlich, auf jeden Fall gehe etwas in die Tiefe.

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