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Perspektiven der Stadt (3): Hachenburg : Wahnschaffendes Städtchen oder Die Freuden der Freiheit

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Erst wenn der Schuhbedarf gedeckt ist, widmet sich der weibliche Teil der Ausflügler den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Bild: Lucas Wahl

In Hachenburg im Westerwald legen Wanderer gern eine Verschnaufpause ein. Für die Patienten des Rehazentrums aber ist ein Stadtbummel dort viel mehr - ein Luftholen im Klinikalltag und die Erinnerung an ein Leben, dem man gerne wieder angehören will.

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          Seit Wochen, seit Monaten befinden wir uns in abgegrenztem Gelände, in einem Gebäudekomplex mitten im Wald, Kilometer von der nächsten Kleinstadt entfernt. Wir atmen nachts in identischen Einzel- und Zweibettzimmern, rütteln uns wach, wenn wir Albträume haben, sagen uns guten Abend, guten Morgen, gute Nacht und erzählen einander von unserem "richtigen" Leben, dem Zuhause, das nicht hier im Westerwald liegt, häufig nicht einmal im Rheinischen. Beim Frühstück teilen wir Obst und Joghurt; vormittags verbringen wir Stunden im Kreis sitzend, um über uns zu sprechen; mittags stehen wir Schlange für das Tagesgericht; und nachmittags versammeln wir uns in den Werkstätten zum Töpfern, Nähen, Malen, Schreinern. Das Ganze ist ein Versuchsareal, ein Selbstversuch, eine "Heilungschance", wie sie sagen, die wahrzunehmen jeder und jede sich per Unterschrift bereit erklärt hat.

          Wir trinken Obstsaft im von Patienten für Patienten geführten Patientencafé; wir trinken Tee und streiten und versöhnen uns; wir essen Eis und schweigen, weil irgendwann ja alles gesagt ist, jedenfalls so lange, bis einer oder eine aufsteht und zu Bett geht, dann können wir über ihn oder sie reden. Im wirklichen Leben wären wir uns nie begegnet; hier kennen wir unsere tiefsten Geheimnisse, aber nur selten unsere Nachnamen. An den Zimmern steht "Gabriele", "Holger", "Kirsten". Manche bleiben ein halbes Jahr, manche nur zwei, drei Monate. Wir, das sind die Klinik-Patienten: Depressiv. Suchtkrank. Borderlined. Zwangsgestört. Auf dem meinem Zimmerschild steht "Ines", auf Postfach, zu dem mein Schlüssel passt, "45 A".

          Wir glauben an das Blütenwunder im Winter

          Unter der Woche verlässt kaum jemand das Areal, außer bei der Bewegungstherapie, also zum Joggen, Wandern, oder zu Gruppenprojekten, die aber nur zwei Stunden dauern dürfen, und so richtig weit weg zu fahren lohnt sich da nicht. Ein beliebtes Ausflugsziel ist das Kloster Marienstatt, ein Tochterkloster des im Jahr 1189 im Siebengebirge errichteten Klosters Heisterbach, und da wir alle froh und dankbar sind, mal etwas anderes zu sehen als die Bäume rund ums Klinikum sowie unsere eigenen, gut durchinterpretierten Köpfe, saugen wir die Informationen, die wir bei der Führung bekommen, geradezu auf: dass Marienstatt 1225 an einer Stelle erbaut wurde, an der mitten im Winter ein Weißdornstrauch blühte. Der Beweis: ein blühender Weißdornzweig im Wappen der Abtei. Wir wollen an Wunder glauben, warum also nicht an dieses? Wir lauschen der Ordensschwester so aufmerksam, wie nur Menschen zuhören, die allzu lange mit sich selbst beschäftigt waren. Und wir nehmen ihr Angebot an, uns in der Kirche ins Fürbitten-Buch einzutragen, das aufgeschlagen vor der Mariastatue liegt: "Maria, hilf mir, vom Alkohol los zu kommen." "Hilf mir, drogenfrei zu leben und ein besserer Mensch zu werden." "Hilf mir, dass meine Kinder wieder Kontakt zu mir haben." "Hilf mir, wieder eine Arbeit zu finden." Womit wir doch wieder bei unserem Lieblingsthema sind: uns selbst.

          Schön ist der deutsche Wald. Doch wer in ihm wohnt, sehnt sich manchmal nach der Stadt.

          Freiheit wird für die Patienten definiert als "Freiheit von", als Unabhängigkeit: Das ist vernünftig, das ist das sogenannte Reha-Ziel, das ist etwas, auf das wir uns einigen können. Aber Freiheit kann auch einfach Ablenkung bedeuten, Zerstreuung, und die liegt ein wenig weiter östlich der Klosteranlage: im Städtchen Hachenburg. Niemand, der nicht schon einmal für längere Zeit strenge Regeln einzuhalten hatte, der abgeschieden und überwacht lebte, kann das Hochgefühl nachempfinden, das ein Patient aus dem Mühlental jeden Samstag bei seiner Busreise nach Hachenburg erlebt. Aber wir wissen, was man schon im Mittelalter wusste und was die Schulbücher nun nur noch unvollständig verkünden: Stadtluft macht frei.

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