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Perspektiven der Stadt (2): Münster : Im Hinterzimmer der Wirklichkeit

Der Fußweg entlang der Aa ist ein verschwiegener Ort - und mit Janet Cardiff im Ohr ein unheimlicher dazu. Bild: Freddy Langer

„Manchmal gerät man in eine Geschichte. Manchmal aber muss man auch Schritte unternehmen, um sie zu entwirren", sagt Janet Cardiff. Oder besser: spricht sie dem Spaziergänger direkt ins Ohr, und dann leitet sie ihn in einer langen Schleife um das Bischöfliche Palais - und in immer enger werdenden Kreisen in die Abgründe der Seele.

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          Manchmal gerät man in eine Geschichte. Manchmal aber muss man auch Schritte unternehmen, um sie zu entwirren." Sagt Janet Cardiff. Oder besser: spricht Janet Cardiff dem Spaziergänger direkt ins Ohr. Mit einer Stimme, in der allerhand abgründige Erfahrungen ihren tiefen Abdruck hinterlassen haben, die jedoch aus dieser Distanz der Reife und der Lakonie ganz unerwartet ins sehr persönliche Fach der Erotik umschlagen kann. "Come closer", flüstert sie dann oder: "Just a kiss", und man spürt Janet Cardiff ganz nah an der eigenen Seite. Aber noch geht sie weit voraus, noch klacken ihre Absätze laut und fest auf dem Asphalt des Parkplatzes direkt neben dem Dom, dessen wuchtige Türme schemenhaft durch das dichte Blätterdach der Silberlinden zu erkennen sind. Die Glocken läuten. Ein Kind zählt seine Sprünge mit dem Hüpfseil. Und ein Mann zählt die Schritte vom Westfälischen Landesmuseum zur Kathedrale und zurück: Es sind zweihundertachtzehn. Es ist Nacht. Behauptet Janet Cardiff. Und dann sagt sie mit gespieltem Desinteresse: "I want you to walk with me." Mit schnellen Schritten laufe ich ihr hinterher.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Es ist keineswegs Nacht. Und nirgendwo spielt ein Kind mit seinem Hüpfseil. Leichter Nieselregen kann an diesem schwülen Sommervormittag in Münster die Besucher des Marktes nicht vertreiben. Bei Roter Beete und trübem Apfelsaft sitzen sie an Biergartentischen, einzeln und in kleinen Gruppen. Was sie sich erzählen, ist nicht zu verstehen. Aber einen Lehrer hört man, der seine Klasse antreibt, sich zu beeilen. Gleich werde das Tutemännchen im Dom die volle Stunde ankündigen und Chronos die Sanduhr drehen, ruft er. Wild durcheinanderlaufend folgen ihm die Kinder durch den Seiteneingang, den direkten Weg zur astronomischen Uhr, deren Darstellung der Gestirne und ihrer sich ständig verändernden Konstellationen am Himmelszelt den Menschen zur Zeit der Renaissance verraten sollte, was das Schicksal für sie bereithielt. "I hope it doesn't rain", sagt Janet Cardiff und dass man beim Schild "Exit" links abbiegen solle. Die Schüler sind im Gotteshaus verschwunden.

          Zeitreise mit geschlossenen Augen

          Janet Cardiff ist Künstlerin. Ihre Werke spricht sie auf Tonband. Es sind Geschichten, deren Handlung sich durch das Gewirr von Straßen schlängelt oder über die Kieswege von Parks und denen der Spaziergänger mit einem Kopfhörer über den Ohren exakt im Gehrhythmus der Künstlerin folgt. Knappe Anweisungen sorgen dafür, dass man nie die Spur verliert. Aber es sind keine Führungen; im Gegenteil: Mit den aufwendig produzierten Arbeiten setzt Janet Cardiff der Wirklichkeit eine zweite Welt entgegen, eine Art akustisches Paralleluniversum, dessen Geräusche so überzeugend klingen, dass man in Münster erschrocken zur Seite springt, wenn hinter dem Rücken eine Fahrradklingel schrillt. "Das Ohr ist ein Organ der Angst", heißt es bei dem Philosophen Ludwig Feuerbach. "Hätte der Mensch nur Augen, Hände, Geschmacks- und Geruchssinn, dann hätte er keine Religion, denn jene Sinnesorgane sind Organe der Kritik und des Skeptizismus."

          "Ich glaube", sagt Janet Cardiff, "dies ist das Haus des Bischofs." Genaues wisse sie nicht, sie, die selbst fremd sei, nur zu Besuch in Münster. Aber als sie abbiegt in die Gasse Spiegelturm, von wo aus eine Brücke über die Aa führt und der Blick auf die Überwasserkirche auf der anderen Seite des Flusses fällt, erinnert sie sich an eine lange zurückliegende Begegnung im Dom, die erste Begegnung mit jenem Mann, den sie nun sucht und der ihr zugleich folgt, wenn auch nur in Gedanken, und der ihre Schritte zählt, und sie gesteht sich ein, wie seltsam es sei, in Deutschland zu sein, dem Land, vor dem sie in ihrer Kindheit in Kanada solche Angst hatte - wegen all der Kriegs- und Spionagefilme im Fernsehen. Hufgetrappel hallt durch die kopfsteingepflasterte Gasse, eine Kutsche rollt vorüber. "Mit geschlossenen Augen kann man in der Zeit zurückreisen", sagt jener Mann, nach dem Janet Cardiff sucht.

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