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Perspektiven der Stadt (1): Hückelhoven : Die wahren Könige leben in der Unterwelt

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Graziler Zeuge aus einer anderen Zeit: Der Förderturm der stillgelegten Zeche „Sophia-Jacoba” Bild: Oliver Jungen

Eine einzige Park- Anlage: Strukturwandel bis zum Abwinken gibt es in der ehemaligen Zechenstadt Hückelhoven zu besichtigen. Die einstigen Kumpel haben dem Kohlezeitalter ein lebendiges Denkmal errichtet.

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          Es ist ja alles richtig so, die Sparbirnen, der Plastikmüll, der Terror gegen den Individualverkehr. Letzte, verzweifelte Versuche des Einlenkens. Aber ist es denn unerlässlich, dass es sich anfühlt wie Fluch und Verdammnis, in unseren Großstädten über ein Auto zu verfügen? Dreißig Minuten Kreiseln um die eigene Wohnung auf der Suche nach einem Parkplatz, durchbohrt von den Blicken junger Mütter im Café, wenn man das dritte, vierte Mal an ihnen vorbeinebelt - der Normalfall in Köln. Schließlich parkt man in einem Witz von Lücke, die damit noch lange kein Parkplatz ist und deshalb nach obskuren Kriterien mit fünf bis fünfundzwanzig Euro zu Buche schlägt. Parkuhren können einen noch weit teurer kommen. Während man am nächsten Tag im Regen die mehrere Kilometer zum Wagen schlurft, in der Hoffnung, dass er vielleicht doch noch nicht abgeschleppt wurde, kann man ein Rebellieren im Magen spüren, eine sich emporwindende Sehnsucht nach dem falschen Leben im richtigen: Einmal wie der Schriftsteller Jack Kerouac sein, eine Existenz "On the Road", nicht weiterdenken als bis zum Gaspedal, die (geklaute) Karre quietschend vor der Tür parken, kurz zur Kneipe an der Ecke brettern, fünfzig Meter, den Motor laufen lassen, nicht einmal eine grobe Ahnung davon haben, was ein Parkscheinautomat ist.

          Und da springt es ins Auge eines beglückenden Tages, ein Preisschild in Magenta: "Parken in Hückelhoven 0,00 [Euro]". Gibt es tatsächlich eine letzte Stadt in Deutschland, in der man den Automobilisten noch würdigt? Es gibt sie! Hückelhoven, heiliges Auspuffrohr, ein Vierzigtausend-Seelen-Nest in Rufweite Hollands, dessen Stadtmarketingleiter mir am Telefon sagt: "Für Touristen ham wir nix." Da will ich hin! Und den ganzen Tag sinnlos von einem Parkplatz zum nächsten brausen, was man im Rheinland "jückeln" nennt. Jückeln in Hückelhoven. Schon die Anfahrt ist ein Genuss, ich passiere Bergheim, wo es nicht einmal Kinderwagen ohne Heckspoiler und Überrollbügel geben soll, und habe plötzlich freie Fahrt. Mit Vollgas in den Kreis Heinsberg, ins Tal der unteren Rur, wo Hückelhoven nicht einmal der lustigste Name ist: Die Nachbarn heißen zum Beispiel Faulendriesch, Puffendorf, Waldfeucht oder Geilenkirchen.

          Treppe in den Himmel

          Und es stimmt: Parkplätze gibt es überall, allesamt kostenlos. Die Stadt lässt sich zudem prima durch die Windschutzscheibe erkunden: der an Le Corbusiers verrottendes Chandigarh erinnernde Beton-Charme, den das exakt ins Zentrum gekübelte Gymnasium samt vielfältig genutzter Aula ausstrahlt; die raketenmäßigen Backsteinkirchtürme; die unbedeutenden Herrensitze, Schlösser und Burgen; das im typischen Nullerjahre-Look - Glas und Kurven - neu errichtete Hückelhoven Center inklusive Media Markt und C&A, große Läden, weil der Niederländer hier sehr gern einkauft und auch Cem Özdemir dies glatt täte, wie er vor einem Jahr geschworen hat, allerdings mit der Einschränkung: würde er nicht in Berlin wohnen.

          Die ehemaligen Kumpel halten ihren Schacht für Besucher in Schuss.

          Die Rundfahrt durch das Autoparadies, das erfreulich viele Kreisverkehre aufweist, führt sodann an Niederlassungen verschiedener Logistiker vorbei - natürlich Logistiker! -, aber ebenso durch enge Seitenstraßen mit gemütlichen Arbeiterhäuschen. Wie nicht anders erwartet, erwartet mich auch ein Drive-in-Restaurant. Damit ist schon der halbe Vormittag herumgebracht, ohne einmal aussteigen zu müssen. Ebenfalls für den vierrädrigen Besucher hergerichtet ist die Zufahrt zur neusten Sehenswürdigkeit: der Himmelstreppe, einer achtzig Meter hohen Metallstiege, die einen künstlichen Berg im Zentrum der Stadt hinaufführt. Elf Meter über dem Gipfel der aus Zechenaushub bestehenden Millicher Halde mündet die Treppe in eine Aussichtsplattform. Hübsch grün sieht es von oben aus. Die weniger hübschen Flecken darin sind die Stadt.

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