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Österreich : Hat's passt? Passt schon!

Fünfzig Dreitausender sollen der lokalen Legende nach das Defereggental umkränzen. Das ist zwar nicht ganz richtig, aber es klingt gut – und schön ist es dort auch so. Bild: Hannes Hintermeier

Für Massentourismus nicht geeignet: Das Defereggental in Osttirol ist der Kältepol Österreichs. Dafür revanchiert sich die Bergwelt mit großartigen Ausblicken.

          Defreggen-Thal, westliches Seitenthal des Iselthales in Tirol; Bezirkshauptstadt Lienz, ist vierzig Kilometer lang und wird vom Defreggenbach durchflossen. Es ist im ganzen einförmig, doch bildet die Antholzer-(Riesenferner-)Gruppe einen großartigen Thalschluß. Die Bewohner (1890: 2509) suchen zum Teil auswärts als Hausierer mit Teppichen und Strohhüten Erwerb. Das hiernach benannte Defregger Gebirge bildet eine südliche Nebengruppe der Hohen Tauern." So steht es im Konversationslexikon aus dem späten neunzehnten Jahrhundert.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Was die Geologie angeht, ist an dem Eintrag nichts auszusetzen. Die Bewohner freilich ernähren sich heute nicht mehr als Hausierer, sondern vom Tourismus, den man aber erst in diese immer noch abgelegene Region der Ostalpen locken muss. Wer aus Deutschland kommt, durchfährt den Felbertauerntunnel, rauscht ins gleißende Licht, in die Verheißung des Südens. Italien ist nicht mehr weit, vorbei an Matrei geht es steil hinunter. In Huben ist man schon wieder auf einer Seehöhe von 814 Metern angelangt, dann geht es ein paar Serpentinen scharf rechts hinauf in das Hochtal, das Licht wird mit einem Mal verschluckt von eisstarren Wäldern und dunklen Felsen. Sprachforscher sind sich nicht einig, ob das Wort "Defereggen" sich vom Keltischen "dubar" (schwarz, dunkel) oder vom Slawischen "dober" (gut) ableitet. Man neigt instinktiv zur ersten Deutung.

          Russische Investoren sind hochwillkommen

          Besiedelt seit dem siebten Jahrhunderts, haben Archäologen den Hauptort St. Jakob im Defereggental als älteste Siedlung Osttirols ausgemacht; eine Urkunde aus dem zwölften Jahrhundert nennt das Tal "Toberecke" und "Tofricke". Kelten haben hier gesiedelt, das Königreich Noricum gegründet, später Römer, Bajuwaren, Slawen. Beim Anblick der alten Steinhäuser und Holzstadl festigt sich der Eindruck, das Österreich der Bausünden hinter sich gelassen zu haben - bis man in Hopfgarten aus solchen Träumereien gerissen wird. Ein Spa-Hotel namens "Zedern Klang", das frühes zwanzigstes Jahrhundert mit Neoalpinismus kreuzt, schiebt sich an die Straße heran. Gebaut hat es die russische Investorin Tatiana Maximova. Arbeitsplätze für Talbewohner sind hochwillkommen, Russischkenntnisse ein Wettbewerbsvorteil.

          Pistenkilometerfresser werden sich im Defereggental nicht wohlfühlen, Familien und Genussskifahrer dafür umso mehr.

          Denn auch hier wird der russische Markt umworben, allerdings nicht die Welt der Superreichen, die sich auf alpine Nobelorte eingeschossen haben, sondern die zahlungskräftige Mittelschicht, die sich im Urlaub vier Sterne und mehr leistet. Wie jedes Jahr, wenn Russen das orthodoxe Weihnachtsfest im Rahmen von Skiferien begehen, entfaltet sich ein paradoxes Ritual: Die angelockte Kundschaft wird in den Medien mit Volkes Stimme angeraunzt ("Tausende Russen im Tirol-Anflug"). Dabei hat der Russe lediglich einen Besucheranteil von knapp zwei Prozent und gibt mehr aus als der durchschnittliche Urlauber mit seinen 137 Euro am Tag.

          Die höchste Lebenserwartung der Republik

          Die Straße windet sich weiter das Trogtal hinauf, zur Linken die Schwarzach, träge unter dem dicken Eis, das den schnellen Gebirgsbach eindickt. Als einer der kältesten Orte im ganzen Land gilt das Tal. Schon Anfang September schneit es oft herunter bis zur Waldgrenze.

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