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: Lady Harriet spukt hier nicht mehr

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Was will uns der Künstler damit sagen, mit der Grabplastik des Herzogs der Normandie, den man 1134 in der Kathedrale von Gloucester beisetzte? Da liegt er auf dem Paradekissen, ein schlanker Ritter in Kettenhemd und rotem Waffenrock, ...

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          Was will uns der Künstler damit sagen, mit der Grabplastik des Herzogs der Normandie, den man 1134 in der Kathedrale von Gloucester beisetzte? Da liegt er auf dem Paradekissen, ein schlanker Ritter in Kettenhemd und rotem Waffenrock, und starrt mit weit geöffneten Augen in das bestrickende spätgotische Netzgewölbe hinauf. Der rechte Arm und das rechte Bein sind in der Pose eines Ballett-Tänzers erhoben und über dem Leib gekreuzt, die gepanzerte Fußspitze ist durchgestreckt, als hole Robert, Herzog der Normandie, Schwung für eine Pirouette, an der ihn nur der halbrunde eiserne Käfig hindern wird, der sein Abbild deckt. Warum so viel nach Befreiung strebende Bewegung auf dem Totenbett? Der älteste Sohn von Wilhelm dem Eroberer verschmachtete seine letzten achtundzwanzig Jahre in einer kalten Burg, den Bruder verfluchend, der ihn dort eingebuchtet und die Königswürde an sich gerissen hatte - ideale Voraussetzungen für ein ruheloses Leben nach dem Tod. Aber auf einer Reise zu den Mythen und Legenden von Wiltshire und Gloucestershire ist nichts von einem Wiedergängertum des Herzogs bekannt. Niemand hat ihn je im südlichen Chorgang herumklirren gehört. Es gibt nur diese erstarrte Geste: Tanzen Sie?

          Noch einer liegt gegenüber im nördlichen Chorgang, der Grund hätte herumzuspuken: Edward II., ein König, der seinen Liebhabern reiche Pfründen zugeschanzt und sich viele Feinde gemacht hatte. Als man ihn 1326 in Berkeley Castle einsperrte, rührte sich keine Hand zu seiner Rettung. Ein knappes Jahr später wurde er von seinen Wärtern ermordet, wie es heißt mit einem glühenden Schüreisen, das man ihm durch ein aufgesägtes Kuhhorn rektal in den Leib stieß. Der Dean der Kathedrale zierte sich lange, ehe er einer Beisetzung in seinem geweihten Haus zustimmte. Doch nun ruht Edward, still ausgestreckt wie ein Heiliger unter seinem spitzgotischen Alabasterhimmel, das gelockte Haupt von Engeln gestützt.

          Statt der noblen Herren soll in der Kathedrale ein Maurerlehrling herumgegeistert sein, der beim Bau vom Gerüst gestürzt war. Er wurde exorziert und in welcher Form auch immer in einer Flasche unter einem der Pfeiler interniert. Danach war Ruhe. Neunhundert Jahre später kehrte das Gespensterwesen in Gestalt eines Filmteams wieder und drehte Szenen eines frühen Harry-Potter-Films im Kreuzgang unter dem Fächergewölbe, dessen Säulen sich wie Blumenkelche entfalten. Die Heiligenscheine in den Fenstern wurden überklebt, damit das Kinopublikum sicher sein konnte, dass der Hokuspokus in einer Schule für Zauberer und nicht in der Kathedrale von Gloucester spielte.

          Jeder Hogward-Absolvent, überhaupt jeder, der sich auf die Spur von übersinnlichen Vorgängen begibt, weiß, dass nichts so unzuverlässig ist wie das Merkwürdige. Durch Autofenster besehen, erscheint der Südwesten Englands frei von Schauerlichkeit: grün, mit Heckenwegen, aus denen die roten Beeren des Weißdorns leuchten. Eine zerbröselnde Kapelle, ein steiles Dach, ein Wirtshausschild "The Wagon and Horse", das aussieht, als seien schon die sieben Zwerge darunter eingekehrt, braune Pferde vor knorrigen Eichen und hinter dem Gartenzaun ein Rudel rostroter Dahlien. Alles friedlich. Und doch, so hört man, sei keine Ecke Englands so reich an prähistorischen Mythen wie Wiltshire und wenige so heimgesucht von Erscheinungen wie Gloucestershire.

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