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Griechenland : Keine Sterne in Athen

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Dunkle Wolken über der Akropolis: Eine Ende der Krise ist in Griechenland noch nicht in Sicht. Bild: AFP

Wenn ein so kleines Land wie Griechenland für so große Schlagzeilen sorgt, kann das kein gutes Zeichen sein. Doch gerade jetzt lohnt sich eine Reise nach Attika, nicht nur wegen der sinkenden Preise.

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          Der Wachsoldat vor der Residenz des griechischen Ministerpräsidenten gerät ins Schwitzen. Das hat aber nichts mit dem bevorstehenden Besuch des türkischen Regierungschefs zu tun, sondern mit den dicken weißen Wollstrumpfhosen, die zu seiner Tracht gehören. Und nicht nur die ist kompliziert - mit den roten Bommeln auf den Sandalen und dem weißen Faltenrock für erwachsene Männer -, auch die Regeln, nach denen er da steht und sich bewegt oder eben nicht, sind es. Jedenfalls darf er sich nicht den Schweiß von der Stirn wischen. Daher steht er unter der Aufsicht eines Kameraden in Tarnfarben, der auf der gegenüberliegenden Seite der Straße wacht. Wenn die Schweißspuren zu deutlich werden, überquert der die Straße, stellt sich so nah an den wachhabenden Protokollsoldaten, dass ihre Nasenspitzen sich berühren, und tupft ihm sorgfältig Stirn, Brauen und Hals, ganz intim und besorgt, als sei er aus Eis und drohe zu schmelzen. Etwas weiter steht ein Soldat vor der Residenz des Staatspräsidenten und schwitzt ebenfalls. Mit einer gewissen Genugtuung stellt man fest, dass derselbe Soldat den Schweiß beider Herren abtupft, dass man hier also wirklich nicht von der Verschwendung von Arbeitskraft sprechen kann - jeder europäische Athen-Tourist ist derzeit in der Gefahr, wie ein Unternehmensberater auf die Stadt zu blicken.

          Doch man sollte vor den Schulden erst die Sonne erwähnen. Es ist gerade noch so auszuhalten tagsüber, im Freien, und auch nachts noch wärmer als an allen schönen Tagen in Deutschland. Es ist, als wolle das Wetter der Krise widersprechen. Oder einen noch grausameren Kontrast schaffen zwischen den im warmen Wind dahingleitenden, elegant gekleideten Passanten und ihren traurigen Gesichtern. Griechen, die man, um wenigstens kurz über etwas Erfreuliches zu reden, wegen der Sonne über Hellas beglückwünscht, weisen es zurück: "Ich hätte lieber Regen und weniger Sorgen", sagen sie.

          Beginn eines Einzelhandelsimperiums

          Man vergisst so leicht, wie die Krise das Alltagsleben bedrückt: Junge Erwachsene ziehen zu ihren Eltern zurück, in winzige Wohnungen. Der Drittjob frisst sich in den Schlaf und in die Familienstunden. Besser ausgebildete Frauen und Männer versuchen, woanders Arbeit zu finden. Sie verlassen Griechenland und fehlen dann, mit ihrer Energie und ihren Ideen, der Gesellschaft, die sich ganz neu erfinden muss. Denn um nichts weniger geht es.

          Immer ein Foto wert: Die Präsidentengarde beim Wachwechsel

          Eine Reise nach Athen führt derzeit weit zurück in eine faszinierende Vergangenheit, aber auch in unsere Zukunft, denn die Mischung aus sozialen Unruhen, Geldsorgen, unzulänglicher Verwaltung und einer enttäuschenden Wirtschaft braut sich für alle Euro-Länder zusammen, außerdem noch für die Vereinigten Staaten und Großbritannien. Nicht immer so krass, nicht immer so sichtbar und kriminell, aber die strukturellen Probleme sind dieselben. Noch zu Zeiten Fürst Pücklers war Athen ein verschlafenes Dorf von achttausend Einwohnern. Heute scheint die Stadt, in der etwa die Hälfte aller Griechen leben, gar kein Ende zu finden, rollt sich auf Hügel und in alle Himmelsrichtungen, entlang der Küste. Es sind Griechen, die ihre Inseln verlassen, auf denen noch weniger zu tun und zu verdienen ist, aber eben auch Albaner, Araber, die Nachbarn rund ums Mittelmeer und darüber hinaus. Auf der Akropolis turnen sehr gut gelaunte, sympathische Singhalesen herum und verkaufen alberne Papierschirme. Oder Wasser oder Postkarten. Sie sind mit so viel Elan bei ihrer anstrengenden und frustrierenden Tätigkeit, dass man sich vorstellen kann, hier dem Beginn eines Einzelhandelsimperiums beizuwohnen.

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