https://www.faz.net/-1w5-16hs0

Geschäftsreisen : Wir greifen wieder nach den Sternen

  • -Aktualisiert am

Hier trifft sich die Welt, im wirklichen Leben genauso wie im Messealltag: der Stand Londons auf der IMEX. Bild: Wonge Bergmann

Die Welt steckt in der Krise, es brennt an allen Ecken, doch das ist uns egal: Auf der Geschäftsreisenmesse Imex in Frankfurt ist Optimismus Pflicht und für Apokalypse kein Platz.

          4 Min.

          Sie zupft so in sich gekehrt, als wäre sie gar nicht hier. Immer wieder berührt sie mit ihren Fingern die roten, blauen und weißen Saiten des Gaya Gum, eines koreanischen Musikinstruments, das etwa einen Meter lang ist. Die Töne fliegen leise, leicht und luftig umher, aber kommen nicht weit. Die Menschen drängen durch die Frankfurter Messehalle, sie schütteln Hände, packen Flugblätter ein, setzen sich manchmal - doch vor allem reden sie unaufhörlich. Auch um den Stand Seouls schwirren die Geräusche hin und her. Die musizierende Koreanerin sitzt auf einem kleinen weißen Hocker, ihre schwarzen Haare festgesteckt, umhüllt von einem traditionellen Seidengewand, dem Han-Bok: Schleife vor der Brust, oben eine Art Jäckchen, unten ein weites Kleid. Zu besonderen Anlässen wurde es früher von Koreanerinnen getragen, zur Hochzeit oder zu Neujahr. Sie zupft unaufhörlich. Doch die Klänge der Tradition sind kaum zu hören. Nur wenige bleiben stehen, denn auf der Imex, der international führenden Messe für Meetings, Events und Incentive-Reisen, hat niemand Zeit für Folklore. Hier geht es allein ums Geschäft.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie im vergangenen Jahr haben auch dieses Mal dreitausendfünfhundert Länder, Regionen und Reiseveranstalter einen Stand auf der Frankfurter Messe aufgebaut. Sie alle wollen sich präsentieren, Geschäftsreisende auf sich aufmerksam machen und das Besondere zeigen, das sie ausmacht. Und doch sieht alles auf den ersten Blick ziemlich gleich und erwartbar aus - Messebauten bleiben eben Messebauten, die höchstens Platz für kleine Variationen lassen. Am Stand der Dominikanischen Republik liegen getrocknete Tabakblätter aus, ein Mann mit Strohhut und hellem Hemd dreht Zigarren daraus, die er für drei Euro das Stück verkauft. Am Stand von Polen steht ein junger Kerl in Mittelalterkluft mit einem meterlangen Bart und malt. Doch er tut nur so, als ob: Er streicht mit einem trockenen Pinsel über ein schon vollendetes Porträt, das die neben ihm stehende Frau zeigt, auch sie in einem Gewand aus einer vergangenen Zeit. Am Münchner Stand begnügen sich die Damen und Herren dagegen mit einem Dirndl und Lederhosen, wie auch Estland manche Hostess in landesübliche Tracht gekleidet hat.

          Die Chance zur Imagepolitur

          Neuntausend Besucher aus hundert Ländern werden in diesem Jahr zur Imex erwartet. Die Veranstalter rechnen mit mehr Ausstellern, Fachbesuchern und Einkäufern aus dem Ausland als 2009, ein Zeichen für die weitere Internationalisierung der Messe. "Die vergangenen zwölf Monate haben wir damit verbracht, uns auf neue Partnerschaften zu konzentrieren, die noch mehr hochwertige Einkäufer aus den wichtigsten internationalen Märkten bringen", sagt Ray Bloom, der Chef der Imex, die einen komplizierten Beinamen trägt: "Incorporating Meetings made in Germany - the worldwide exhibition for incentive travel, meetings and events".

          Nur nicht so schüchtern: Eine Estin in Nationaltracht bietet skeptischen Messebesuchern Landestypisches zum Naschen an.

          Manche Staaten nutzen die Messe aber auch zur Krisenbewältigung und Imagepolitur. Griechenland zum Beispiel. Mit der aktuellen Präsenz seines Landes in den Medien ist Giorgios Poussaios nicht zufrieden. Der Staatssekretär im griechischen Ministerium für Kultur und Tourismus sitzt in einem kleinen Raum am Glastisch. Die Wände in den Kulissen des griechischen Standes sind hoch, aber die Decke der Halle ist noch viel höher. So dringen der Lärm, das Durcheinander, das Stimmengewirr von oben in den kleinen Raum. Manchmal lassen sich Poussaios' Worte kaum verstehen. "Ich weiß, wie die Situation aussieht", sagt er. Die Schuldenkrise seines Landes habe ein gewisses Reizklima hervorgerufen, aber dies solle nicht lange anhalten. Er ist auch nach Frankfurt gekommen, um Spannungen zwischen Deutschen und Griechen abzubauen. "In diesem Jahr wollen wir beweisen, dass wir in der Lage sind, die Krise zu einer Möglichkeit werden zu lassen." Das traditionelle Bild der griechischen Gastfreundschaft existiere noch, meint Poussaios. Und welche Vorzüge für Geschäftsreisende gibt es in seiner Heimat? Gerade bauten sie in Athen ein Kongresszentrum, von dem aus man das Meer sehen könne und in zehn Minuten in der Innenstadt sei. Dann redet Poussaios von der Philosophie - so wie Davos für den Weltwirtschaftsgipfel stehe, solle Athen als Stadt der Philosophie bekannt werden und entsprechende Kongresse organisieren.

          Topmeldungen

          Demonstranten in Lausanne, einige Tage bevor sich die Wirtschafts- und Politikelite in Davos trifft. Nicht nur die Klimapolitik steht im Fokus der Protestler – auch der Kapitalismus.

          „Trust-Barometer“ : Deutsche zweifeln am Kapitalismus

          Nur noch jeder achte Deutsche glaubt, dass er von einer wachsenden Wirtschaft profitiert. Viele blicken pessimistisch in die Zukunft. Mehr als die Hälfte ist der Meinung, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen Form mehr schadet als hilft.
          Die Weichen werden gerade neu gestellt, es geht raus aus der Kohleförderung.

          „Soziale Wendepunkte“ : Wenn der Klimaschutz ansteckend wird

          Irgendwann kippt das gesellschaftliche Klima, dann kann es doch noch klappen mit dem Stopp der Erderwärmung. Eine Illusion? Forscher haben sechs „soziale Wendepunkte“ ausgemacht, die allesamt bereits aktiviert sind – und ein Umsteuern einläuten könnten.

          F.A.Z. Podcast für Deutschland : Die neue deutsche Rolle im Libyen-Konflikt

          Kann es wirklich Frieden geben in Libyen? Der politische Herausgeber Berthold Kohler und Nahost-Korrespondent Christoph Ehrhardt sprechen darüber mit Moderator Andreas Krobok. Außerdem: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales über Fakenews und Sportwissenschaftler Professor Daniel Memmert über immer jüngere Fußballstars.