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Fernwanderweg E5 : Der Sommer, der ein Winter war

Zwischen Pitz- und Ötztal: am Rettenbacher Jöchl, mit knapp dreitausend Metern dem höchsten Punkt des E5 Bild: Freddy Langer

Einmal zu Fuß die Alpen zu überqueren ist der Traum vieler Wanderer. Er ist leichter zu erfüllen, als man denkt: Nur sieben Tage dauert die Tour. Und abends warten immer ein kühles Bier und ein warmes Bett. Mit einer Gruppe unterwegs auf dem E5 von Oberstdorf nach Meran.

          12 Min.

          Fast hätte diese Geschichte anders begonnen. Mit dem Aufenthalt in der Braunschweiger Hütte, der sich zu verlängern drohte über die Nacht hinaus weit in den nächsten Morgen und vielleicht über den ganzen nächsten Tag in eine weitere Nacht und noch einen Morgen. Wir saßen um einen alten Holztisch herum, starrten durchs Fenster und sahen nichts als Schneeflocken, die mit jeder Minute dicker und schwerer wurden, bis sie wie Geschosse vom Himmel fielen und man sich wunderte, ihren Einschlag nicht zu hören oder wenigstens ein Klirren, wenn hin und wieder eine von ihnen gegen die Scheibe knallte.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Es ging uns gut. Das Feuer im Kachelofen grummelte vor sich hin und wärmte uns den Rücken. Das Bier war frisch. Und an den Wänden zeigten Schwarzweißfotografien, was bei unserem Aufstieg hinter einem Schleier aus Nieselregen und Nebel unsichtbar geblieben war: den Gletscherbach, der entlang des Wanderwegs in Kaskaden den Hang hinunterstürzt; und das Eis des Mittelbergferners, das sich auf der alten Fotografie noch in eleganten Bögen weit hinunter ins Tal schlängelt, dorthin, wo heute nur noch Steinschutt und Geröll herumliegen, überzogen von üppig blühendem Gemswurz, den wir am Nachmittag nach allen Regeln der Botanik untersucht hatten. Nun war wohl längst alles von Schnee bedeckt.

          Pause oder nicht?

          Ab fünfzig Zentimeter lasse er niemanden mehr aus dem Haus, sagte der Wirt, als er mit der nächsten Runde auf dem Tablett an unseren Tisch kam. Wir machten schon unsere Witze. Wie das wohl sei, in einer Hütte zu leben. Und wie lange der Vorrat an Lebensmittel wohl reichen würde, wenn die Materialseilbahn wegen des Wetters nicht mehr fahren könne. Manchen wäre die Zwangspause nach gut dreitausend Höhenmetern hinauf und knapp viertausend Höhenmetern hinunter am Tag vier unserer Wanderung quer über die Alpen, also exakt zur Hälfte, nicht einmal ungelegen gekommen. Andere befürchteten, aus dem Takt zu geraten, dieser Aneinanderreihung von Aufstehen, Losziehen, Pausemachen, Weiterziehen, Ankommen, der man sich so bereitwillig und gern unterwirft, dass schon am zweiten Tag jeder Bewegung etwas Mechanisches anhaftet. Und werden die Berge nicht tatsächlich umso schöner, je mehr man sich anstrengt und je weniger man nachdenken muss?

          Wer nicht gehen will, der fährt: Werbung für einen Taxidienst am E5

          Vor dem Fenster hatte sich mittlerweile eine weiße Wand gebildet, so dicht folgten jetzt die Schneeflocken aufeinander. Es fehlte nicht viel, und es hätte ausgesehen, als seien sie in der Luft fugenlos übereinandergeschichtet. Es gebe einen Plan B, sagte unsere Bergführerin zögerlich. In diesem Augenblick raste johlend eine Horde Jugendlicher durch die Hütte und weiter nach draußen auf die Terrasse. Die Jungen in Badehosen, die Mädchen in Bikinis. Mit dem Finger schrieb einer "Sommer 2011" in den Schnee auf einem der Tische, dann streckten alle für ein Gruppenfoto die Arme in die Luft, den Atem als zarte Wolken vor dem Gesicht. Einige der Hüttengäste applaudierten, manche schauten ungläubig zu. "So geht's doch auch", sagte eine Bergsteigerin ein wenig traurig, blickte mich versonnen an und zuckte mit den Schultern: "In unserer Mannschaft gibt's gerade Gruppendynamik."

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