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Burma : Das Glück wohnt in Pagoden

Nur zwei von zweitausend: In der alten Königsstadt Bagan wachsen so viele Pagoden und Tempel aus der Erde, dass man sich in einer Himmelsstadt wähnt. Bild: ddp images

Burma macht gerade Blitzkarriere. Seit seine Diktatoren die Demokratie entdeckt haben, ist das Land vom Schmuddel- zum Hätschelkind der Welt geworden. Alle lieben es jetzt. Und es geht auch gar nicht anders.

          12 Min.

          Der Kapitän liebt die Lady, und seine Liebe kostet ihn jetzt nicht mehr Kopf noch Kragen. Er hat es sogar gewagt, ihr Porträt auf der Brücke seines Schiffes aufzuhängen, ein halber Selbstmord war das noch vor ein paar Monaten. Seither fährt die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, von allen nur "The Lady" genannt, den Irrawaddy-Fluss mit ihrem Kapitän auf und ab, der in Gestalt und Gemüt eher eine menschliche Reinkarnation des dicken lachenden Buddhas als ein schneidiger Seemann ist. Eine wunderbare Frau sei sie, sagt der Kapitän und schaut sie an mit einem Blick zwischen Ehrfurcht und Zärtlichkeit, stark, schön, unbeugsam wie eine Löwin, das Herz so groß wie das Universum. Jeden Morgen stecke sie sich Blumen ins Haar, was in Burma das Zeichen der Zuversicht sei, und das nach zwanzig Jahren Hausarrest, nach einem halben Leben der Demütigung. Und natürlich - jetzt beugt sich der Kapitän über seinen Blaubärbauch und flüstert fast verschwörerisch - werde seine Lady eines Tages auch seine Präsidentin sein. Das wisse er ganz bestimmt, obwohl er sich für Politik gar nicht interessiere. Politik verwirre nur die Gedanken und sei sowieso die Mutter aller Probleme. Seine eigene Mutter hingegen habe ihn die richtige Lektion fürs Leben gelehrt: Mein Sohn, habe sie ihm gesagt, gehe immer so zu Bett, dass du bei der ersten Berührung des Kopfes mit dem Kissen einschläfst. Denn dann ist dein Herz rein und dein Geist frei. So wie bei der Lady.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Burma ist längst noch nicht frei, doch in Siebenmeilenstiefeln auf dem Weg dorthin, seit vor knapp einem Jahr Präsident Thein Sein die Macht übernommen hat und sich wie die gute Märchenfee aufführt. Seither geschieht das Undenkbare: Fünfzig Jahre grausamer Wirklichkeit werden quasi im Handstreich abgeschafft. Aung San Suu Kyi, die Ikone aller aufrechten Burmesen im Kampf gegen die Militärdiktatur, wurde aus dem Hausarrest entlassen. Hunderte politischer Häftlinge kamen frei. Der Chef der Zensurbehörde verkündete die Teilabschaffung der Zensur. Und der Präsident höchstpersönlich wünscht sich, dass die Oppositionsführerin bei der Wahl im April Parlamentsabgeordnete wird.

          Schaudernder Blick durchs Guckloch

          Das ist verkehrte Welt in einem Land, aus dem seit dem Putsch der Generäle im Jahr 1962 immer nur die schrecklichsten Nachrichten kamen: von einer blutrünstigen Repression selbst des kleinsten demokratischen Zuckens, vom Massenmord an Tausenden unbewaffneter Demonstranten, vom Massakrieren protestierender buddhistischer Mönche, von der Gefangenschaft eines ganzes Volkes im Kerker einer skrupellosen, raffgierigen, zähnefletschenden Junta. Man blickte schaudernd auf Burma wie durch ein Guckloch, auf dem stand: Schaut nur hier durch, und ihr werdet das Reich des Schreckens und der Finsternis sehen, die Höllenherrschaft einer Despotenclique, fünfzig Millionen Menschen in den Ketten der Verzweiflung. Und genau das sah man dann auch.

          Buddha ist überall: Kaum ein anderes Land der Erde ist so stark von Religiosität getränkt wie Burma. Auch deswegen zieht es immer mehr ausländische Besucher an.
          Buddha ist überall: Kaum ein anderes Land der Erde ist so stark von Religiosität getränkt wie Burma. Auch deswegen zieht es immer mehr ausländische Besucher an. : Bild: dpa

          In Burma sieht man kaum einen Soldaten, kaum eine Waffe, sehr selten Straßensperren, noch seltener Panzer und fast nie politische Propaganda wie jenes verwitterte Schild am Königspalast von Mandalay, auf dem die Armee verspricht, die nationale Sache niemals im Stich zu lassen. Man erwartet ein tropisches Nordkorea mit dressierten, gebrochenen, willenlosen Menschenknechten und erkennt in den Augen der Burmesen kein einziges Mal die Furcht des gequälten Wesens vor der Peitsche des Folterschergen. Man stellt sich auf ein Straflagerland ein, doch die einzige Uniform, der man pausenlos begegnet, ist weder olivgrün noch schwarzweiß gestreift, sondern safranrot: die Kutte der buddhistischen Mönche. Dieses tiefe, ernste Rot ist - neben dem Gold der Pagoden - die prägendste Farbe Burmas, in dem genauso viele Menschen Dienst an der Waffe verrichten wie Dienst im Namen des Erleuchteten.

          Ein Schatz an Menschlichkeit

          Es ist eine vierhunderttausend Mann und Frau starke Gottesarmee, bewaffnet nur mit einem Bettelnapf, die friedlich durch Städte und Dörfer zieht, Greise und Kinder, Kräftige und Klapperdürre, alle kahlgeschoren und viele barfüßig, lauter Menschen ohne irdischen Ballast, denen der höchste Respekt und die tiefste Demut entgegengebracht wird. Immer wieder bekommt man Gänsehaut in der Tropenhitze, wenn man Zeuge dieser Demutsgesten und Respektbezeugungen wird, weil sie in ihrer Selbstverständlichkeit so würdevoll und in ihrer Würde so selbstverständlich sind - etwa wenn sich ein Burmese einem Bettelmönch nähert, vor ihm aus seinen Latschen schlüpft, so nackt wie er im Staub steht, sich tief verneigt und ihm dabei mit beiden, wie zum Gebet gefalteten Händen und einem Lächeln wie aus tiefstem Seelengrund eine Spende überreicht, ein paar Körner Reis, ein bisschen Geld, einen Schatz an Menschlichkeit für den Abgesandten Gottes.

          Die Zahl von Gotteshäusern ist unvorstellbar groß in Burma. Staunend und schon lange nicht mehr zählend, taumelt der Blick über die Landschaft, unfähig zu glauben, wie viele Glaubensbeweise er sieht - Pagoden, Tempel, Stupas, Hunderte, Tausende, Zehntausende, in glänzendem Gold, strahlendem Weiß, leuchtendem Ziegelsteinrot, majestätisch auf Hügeln thronend, schüchtern in Reisfeldern kauernd, unwirklich aus dem Dunst der Dämmerung stechend wie die Lanzen ganzer himmlischer Heerscharen. Sie scheinen aus der Erde zu sprießen und zu wuchern, als bedecke eine dicke Humusschicht an Glaubensfruchtbarkeit den Boden, als sei er gesättigt mit Abermillionen Pagodensamen, die alle nur darauf warten, gen Himmel zu streben, zum Ruhme Buddhas und Wohle der Menschen. Denn wer in diesem Leben einen Tempel baut, heißt es, werde im nächsten Leben glücklicher sein. Kann das Unglück in Burma wohnen?

          Saucen aus halbverwesten Fischen

          Im Grunde stellt man sich diese Frage nicht, wenn man durch das Land fährt, durch Dörfer kommt, die arm, aber nicht elend sind, einen Alltag erlebt, den kein Überlebenskampf verhärmt, oder auf Märkte geht, die nicht wissen, was Hunger ist, sondern vom Reichtum der Erde zeugen. Stapel gepökelter Feldratten werden hier verkauft und Berge halbverwester Fische mit immer noch halbwegs intakten Leibern und Köpfen, die ein Jahr lang fermentiert wurden und die Grundlage einer fabelhaften Sauce sind; ihr Geschmack ist ebenso herzhaft wie das Lachen der Marktfrauen, die sich über die verschreckten Mienen der ausländischen Besucher amüsieren und ihnen schelmisch Kostproben anbieten. Und am liebsten würde man sie in einen dieser Korbsessel probieren, den clevere Imbissbesitzer auf einem Irrawaddy-Damm aufgestellt haben; das sei die "Rendez-vous-Meile", sagen die Burmesen, die Verliebten holten sich einen Snack bei den Imbissbuden auf der anderen Straßenseite und schauten sich dann in aller Ruhe den Sonnenuntergang an - oder aber doch nur glückstrunken gegenseitig ins Gesicht.

          Der wichtgste Tempel Burmas: Vor 2559 Jahren wurde der Grundstein der Schwedagon-Pagode in Rangun gelegt, die acht Haare Buddhas verwahrt.
          Der wichtgste Tempel Burmas: Vor 2559 Jahren wurde der Grundstein der Schwedagon-Pagode in Rangun gelegt, die acht Haare Buddhas verwahrt. : Bild: dpa

          Am allerwenigsten stellt sich die Glücksfrage in den Klöstern, die offen für jeden und oft auch Schulen sind. Sie unterrichten diejenigen, die sonst niemand unterrichtet - die Ärmsten der Ärmsten oder die Kinder der Völker aus den Bergen des Vielvölkerstaates Burma, die unter einem Pagodendach im Kreis zusammensitzen, im Leierkastenchor ihre Lektionen aufsagen, dann erstaunt innehalten und die fremden Besucher aus Riesenrehaugen anschauen. Es sind Blicke vollkommen frei von Misstrauen, Argwohn und der Vorstellung, dass Menschen schlecht sein können. Es sind die schönsten Souvenirs, die man aus Burma mitnimmt.

          Das glänzende Schicksal des dicken Balttgoldbuddhas

          Man wird reich beschenkt in diesem Land, überall, pausenlos, auch in der Königsstadt Mandalay mit ihrem berühmten Mahamuni-Tempel, dem Haus des Großen Buddha. Ihm machen alle Burmesen ihre Aufwartung, selbst die weltlichen Herren, die sich dabei von ihren Hoffotografen ins rechte Licht setzen und dann die Aufnahmen im Tempel aufstellen lassen. Der neue Präsident ist auch schon da gewesen, ein Mann mit einem ernsten, aber offenen Gesicht, über das sogar eine Andeutung von Herzlichkeit huscht - eine subtile Propagandabotschaft, denn der Unterschied zu seinem Vorgänger könnte erschreckender nicht sein. Auf dessen Fotos genau gegenüber sieht man einen misstrauischen, feindseligen, hartherzigen Soldaten, der den Großen Buddha herumzukommandieren scheint wie einen Untergefreiten.

          Vielleicht putzt er ihn gerade wegen seiner schlechten körperlichen Verfassung herunter, denn der Große Buddha hat inzwischen wirklich jede Form und Proportion verloren. Schuld daran ist die maßlose Liebe der Menschen zu ihm, die eine Bilderfolge im Tempel dokumentiert: Ein Foto aus dem Jahr 1901 zeigt ihn noch als ranken, schlanken Kerl. Doch seither haben Millionen Gläubige ihre Blattgoldspenden auf den Leib des Erleuchteten geklebt, der jetzt zu einem wulstigen Klops angeschwollen ist und immer noch immer dicker wird. Stoisch sitzt er goldfettleibig auf seinem goldenen Podest in einem goldglänzenden Saal, während seine Verehrer Schlange stehen, um den Vierteltonnengoldkoloss weiter mit Blattgold zu bekleben, und die Pilger zu seinen Füßen in tiefer Meditation versunken sind, manche in Safrankutten, andere in FC-Barcelona-Trikots und einige wenige auch in Tarnanzügen.

          Sanftmut statt Leichentuchflüche

          Nicht viel anders als zu jeder Zeit, als Siddharta Gautama unter seinem Bodhi-Baum die Erweckung fand, stellt man das Blattgold in den Werkstätten rund um den Mahamuni-Tempel heute her. Mit bloßer Hand wird es unendlich mühevoll Stunde um Stunde im monotonen Dröhnen der Hämmer von sehnigen Männern hauchdünn geklopft, die das Gold mit ihrem Schweiß tränken, aber nicht mit ihren Tränen. Schaut man ihnen in die Augen, sieht man dort kein böses Funkeln, kein Verwünschen ihrer menschenunwürdigen Existenz als elende Blattgoldklopfer, sondern nur Langmut, Sanftmut, Fatalismus vielleicht, aber wieder keine Verzweiflung. So ist das überall in Burma, das sich klaglos in sein archaisches Schicksal zu fügen scheint. Die Weber schuften an ihren mechanischen Stühlen wie bei Heine oder Hauptmann, doch ohne düstere Augen, ohne fletschende Zähne, ohne Leichentuchflüche. Nach einer Viertelstunde schon birst den Besuchern hier fast der Schädel, weil man glaubt, die fliegenden Schiffchen rasten quer durchs eigene Gehirn. Wie kann man das nur ein Leben lang lächelnd aushalten?

          Ikone des Widerstandes gegen die Militärdiktatur: die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die Burmas nächste Präsidentin werden könnte.
          Ikone des Widerstandes gegen die Militärdiktatur: die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die Burmas nächste Präsidentin werden könnte. : Bild: afp

          Genauso archaisch geht es bei den Steinmetzen zu, die hinter dem Mahamuni-Tempel auf offener Straße Buddhas aus Marmorblöcken meißeln, zu Hunderten im klackenden Rhythmus dieser Steineklopfersklavenmelodie. Weiß vor Staub sind die Blätter der Bäume, die Dächer der Häuser, die Haare der Männer und wahrscheinlich auch ihre Lungen. Sie husten sich lakonisch dem Tod entgegen, meißeln einfachweiter und formen mit bloßen Händen glänzend polierte Körper aus den Blöcken. Die Köpfe aber machen sie ganz zum Schluss, denn der Käufer bestimmt den Gesichtsausdruck des Buddhas. Und so stehen gespenstische Kohorten des Erleuchteten in Reih und Glied an der Straße, vollendete Körper, die keine Köpfe haben, sondern Quader, gerundete Leiber mit einem rechtwinkligen Block als Haupt.Es sind surrealistische Glaubensstatuen, verstörend in ihrem unmenschlich Menschlichen, vielleicht aber auch nur eine Metapher für die Vereinbarkeit von Menschlichkeit und Unmenschlichkeit in Burma.

          Das schüchternste Land der Welt

          Man zweifelt an sich selbst in diesem Land. Trotz seiner Archaik, seiner rettungslosen Rückständigkeit wird man hier nicht zum empörten Revolutionär, sondern will ganz im Gegenteil am liebsten seine Hände schützend über Burma halten, um es ja nicht so werden zu lassen, wie alle anderen Länder Asiens längst geworden sind - oder jedenfalls nicht ganz so schnell. Natürlich ist das eine schreckliche Anmaßung. Doch man kann nicht anders, wenn man hier Dinge erlebt, die man für immer verloren glaubte - eine Lebensgeschwindigkeit und Selbstgenügsamkeit aus paläolithischen Präglobalisierungszeiten; eine Welt ohne die Tyrannei des Markenfetischismus, ohne die Diktatur des universalisierten Disneygeschmacks; vor allem aber ein Land, das so überwältigend schüchtern ist wie vielleicht kein zweites mehr auf Erden, so verschämt und doch nie furchtsam verschreckt, ein Land, das den Fremden mit ratloser Neugier statt kühlem Kalkül gegenübertritt und dessen Kinder nicht krakeelend um Kleingeld betteln, sondern den Besuchern ganz vorsichtig, fast ohne die Hand zu heben, nachwinken.

          Niemand kann Burma ernsthaft wünschen, dass es bleibt, wie es ist, so pittoresk, so bukolisch all die Ochsenkarren und Pferdekutschen, all die Bauern im Reisfeld mit Pflug, Kegelhut und Wasserbüffel, all die spielzeugputzigen Klapperbusse aus den Restbeständen japanischer Reparationszahlungen auch sein mögen - und all die Frauen in ihren Trachten, die elegant wie königliche Hoheiten im Damensitz auf den Gepäckträgern der Fahrräder balancieren und sich ihre Wangen mit der golden schimmernden Rinde eines Zitronenbaumes wie bronzefarbene Goldmariechen schminken.

          Wo ist der Zorn, wo bleibt die Rache?

          Und es bleibt ja auch nichts, wie es ist, es geschieht Ungeheuerliches: An den Fahrrädern und Reparationsbussen, selbst an Karren und Kutschen prangt jetzt zehntausendfach das Porträt von Aung San Suu Kyi, Burmas Schutzheiliger und Herzensdame, Burmas Che Guevara und Nelson Mandela. Die Menschen bekennen erstaunlich offen ihre Liebe zu ihr, ohne die Paranoia des Schweigens, mit der Despotien immer ihre Untertanen vergiften. Dass die Friedensnobelpreisträgerin eines Tages Präsidentin sein werde, sagen fast alle, selbst in den Garküchen am Straßenrand hört man das im Funzelschein, bevor sich dann doch Finger auf Lippen legen. Und dass die Generäle nur deshalb so leichtes Spiel mit ihrer Schreckensherrschaft hätten, weil der Buddhismus die Burmesen zur absoluten Duldsamkeit erziehe, wird dem Fremden mit dem sanftmütigsten, selbstverständlichsten Lächeln erklärt. Fast verzweifelt sucht man darin nach Spuren von Zorn oder Wut oder Rache oder Hass - und findet nichts.

          Das Einzige, das man findet, ist Skepsis. Die Menschen trauen dem Frieden und der Freiheit noch nicht, nicht nach fünfzig Jahren der Unterdrückung. Sie vergessen nicht, dass ihr freiheitssüchtiger Präsident ein Generalmajor ohne Uniformjacke ist. Sie ahnen, dass die Motive des Militärs nicht altruistisch, sondern egoistisch sind, dass es Pfründe zu verteidigen gilt und die im Westen ausgebildeten Kinder der schwerreichen Herrscherclique keine Lust mehr haben, als Paria der Weltgemeinschaft geächtet zu werden. Man müsse abwarten, sagen die Leute, Burma befinde sich gerade auf dem Weg in die Demokratie und habe noch viel zu lernen. Eines aber wüssten sie schon jetzt: dass ihnen die Demokratie weder Glück noch Freiheit beschere, das könne nur der Buddhismus, die höchste moralische Instanz. Aung San Suu Kyi sei ja auch keine Demokratin, sondern eine Dienerin ihres Volkes. Dessen drängendste Probleme seien überhaupt zu niedrige Renten und zu hohe Benzinpreise. Das hört man immer wieder, fast wie aus einem Mund. Und dass mehr Touristen kommen sollen, das wolle auch die Lady, damit es den Menschen endlich bessergehe.

          Die große Totenstadt der Pagoden

          Das wünscht man den Burmesen und wünscht sich gleichzeitig das Gegenteil - spätestens wenn man in der alten Königsstadt Bagan auf die Dachplattform einer der großen Pagoden steigt und so schnell, vielleicht nie wieder herunter will. Es ist ein Anblick wie nicht von dieser Welt, wie aus einem mystischen Paralleluniversum, gemacht für die Augen von Göttern, nicht von Irdischen, menschenleer und totenstill bis auf ein paar zwitschernde Vögel, rumpelnde Ochsenkarren, radelnde Touristen: Hunderte, Aberhunderte, vielleicht auch Tausende von Pagoden wachsen nur für einen selbst in allen Himmelsrichtungen aus Feldern und Weiden, aus Staub und Dunst, manche klein wie Kapellen, andere mächtig wie Kathedralen und alle aus roten Ziegelsteinen aufgetürmt, rot wie die Kutten der Mönche und die Farbe des Glaubens. Was in Gottes Namen ist das hier? Die große, geheimnisvolle Nekropole der Pagoden? Die auf die Erde verbannten Ruinen einer Himmelsstadt? Ein trockengelegtes buddhistisches Atlantis?

          Vielleicht sind es auch nur Mahnmale der Vanitas mundi. Denn keine Paläste haben von der Königsstadt überlebt, nur Sakralbauten, die höheren Herren als Königen dienen. Und so sitzt man hier oben und denkt sich, dass Buddha seine schützende Hand über diesen Pagoden-Planeten halten muss, sonst gebe es all das längst nicht mehr. Will man wirklich wissen, dass Bagan in Wahrheit keine Demonstration göttlicher Schutzmacht, sondern menschlicher Gottesfurcht ist? Will man wissen müssen, dass bei einem fürchterlichen Erdbeben 1975 viele Tempel zerstört wurden und die bettelarmen Burmesen in einem unfassbaren Kraftakt mehr als zweitausend Pagoden wieder in Stand und Pracht gesetzt haben, weil es in diesem Land nicht sein kann, dass Gotteshäuser in Trümmern liegen? Viel lieber sitzt man schweigend auf der Plattform, berauscht sich an der Illusion der Endgültigkeit dieser sakralen Landschaft, an ihrer monumentalen Intimität und triumphalen Stille, bis sie irgendwann gespenstisch wird. Denn Pagoden ohne Menschen, Buddhas ohne Betende, Gotteshäuser ohne Gotteskinder sind undenkbar in Burma.

          Golden schimmern nur die Stupas

          Ehrfurcht muss nicht still sein, Andacht nicht leise und Inbrunst nicht beklemmend, jedenfalls nicht in Burma. Das ist die grandiose Erfahrung, die man in der Schwedagon-Pagode in Rangun macht, der größten Stadt des Landes, die zurzeit ein wenig verloren im Nirgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft herumirrt, zwischen zaghaftem Aufbruch mit den ersten Shopping-Malls und schimmelfleckiger Melancholie mit den verwitterten Erbstücken aus der britischen Kolonialzeit. Rangun ist eine Stadt noch ohne jeden Glamour und Glitter der asiatischen Fortschrittsgläubigkeit, in der man sich sonntags im Volksvergnügungspark mit seinen rumpelnden Fahrgeschäften aus den sechziger Jahren zum Familienpicknick trifft, in der nicht die Schaufenster von Dior und Gucci golden schimmern, sondern die Stupas - und in der noch kein Wolkenkratzer die Hybris und Häresie besitzt, den Thron in der Stadtsilhouette der Schwedagon-Pagode streitig zu machen, dem wichtigsten aller Tempel Burmas.

          Vor 2559 Jahren, drei Wochen nach der Erleuchtung des Erleuchteten, wurde der Grundstein der Pagode gelegt. Zwei Brüder kehrten damals mit acht Haaren Buddhas aus Indien zurück und schenkten sie ihrem König, der sofort einen Tempel errichten ließ. Zweieinhalbtausend Jahre später ist daraus ein ganzer Tempelberg geworden, ein Gebirge der Pracht und Herrlichkeit aus Dutzenden von Pagoden und Pavillons, Skulpturenspalieren und Monumentalglocken, Opfersteinen und Devotionalienständen rund um eine hundert Meter hohe, goldglänzende Haupt-Stupa, die wie Gottes Zepter für alle Ewigkeit in einem Hügel steckt. Es ist ein buddhistisches Tohuwabohu aus Tausenden mythologischer Wesen vom fliegenden Elefanten bis zur züngelnden Himmelsschlange, aus Hunderten Opferschalen, in denen Sesamöl flackert, aus Dutzenden Verkaufsständen, an denen Frauen Blattgoldspenden wie Marktweiber ihre Heringe anpreisen. Und auch sonst ist bei aller Heiligkeit genug Platz für Profanes und Skurriles - etwa für haushaltsübliche Fußmatten an Tempeleingängen, auf denen ein herzhaftes "Welcome" steht, oder für Leuchtreklamen-Buddhas, um deren Köpfe rote und blaue Neonlichter als Symbol der Erleuchtung blinken und die doch eher an amerikanische Tankstellenwerbung erinnern.

          Gedanken für Götter oder Kopfkissen

          Vor allem aber ist alles voller Menschen, die sich hier unter dem großen Schutzschirm des immerwährenden buddhistischen Toleranzediktes zusammenfinden: Heerscharen von westlichen Touristen mit Trekkingsandalen und schwerer Foto- oder Videoartillerie, Horden paramilitärisch gehorsamer Besucher aus Fernost mit einem brüllenden Megaphon-Mann an der Spitze, burmesische Schulklassen beim gelebten Religionsunterricht, Großfamilien beim fröhlichen Gemeinschaftsgebet, tobende Kinder beim Fangenspielen, schwatzende Großmütter beim Blumenkranzspenden, Tempelwächter bei der Siesta, murmelnd meditierende Mönche, Radikalbuddhisten im letzten Zustand der Transzendenz, Schaulustige und Weltvergessene, Weihwasserschöpfer und Menschen, die sich mit solch leidenschaftlichster Hingabe vor Buddha niederwerfen, immer und immer wieder, mit flehenden Armen und vergeistigtem Blick, als sei es das Letzte, was sie auf dieser Erde tun werden - um dann mit einem befreiten Lachen aufzustehen, das selbst die größten Gotteszweifler ins Grübeln bringt.

          Solche Menschen schenken ihre Gedanken beim Einschlafen wahrscheinlich ihrem Gott. Allen anderen bleibt nur das Kopfkissen.


           

          Aufbruch im goldenen Land

          Anreise: Am bequemsten mit Thai Airways (www.thaiair.de) über Bangkok und dann weiter nach Rangun. Die Preise beginnen bei 680 Euro.

          Einreise: Das Visum muss bei der Botschaft der Union Myanmar beantragt werden (Thielallee 19, 14195 Berlin, Telefon: 030/206-1570, www.botschaft-myanmar.de/resources/Tourist_Visa.pdf). Die Bearbeitung dauert etwa eine Woche.

          Arrangements: Verschiedene Veranstalter wie Rose Travel haben Burma im Angebot (RTC Rose Travel Consulting, Nördliche Hauptstraße 2, 83700 Rottach-Egern, Tel.: 08022/66250, info@rosetravel.de, www.rosetravel.de). Eine fünfzehntägige Rundreise inklusive Badeaufenthalt kostet ab 4930 Euro; dabei fährt man von Bagan nach Mandalay auf dem Kreuzfahrtschiff "Road to Mandalay". Ein siebzehntägiges Arrangement ohne Kreuzfahrt kostet ab 3590 Euro.

          Informationen: im Internet unter www.myanmar-tourism.com.

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