https://www.faz.net/-1w5-6xj7o

Burma : Das Glück wohnt in Pagoden

Die große Totenstadt der Pagoden

Das wünscht man den Burmesen und wünscht sich gleichzeitig das Gegenteil - spätestens wenn man in der alten Königsstadt Bagan auf die Dachplattform einer der großen Pagoden steigt und so schnell, vielleicht nie wieder herunter will. Es ist ein Anblick wie nicht von dieser Welt, wie aus einem mystischen Paralleluniversum, gemacht für die Augen von Göttern, nicht von Irdischen, menschenleer und totenstill bis auf ein paar zwitschernde Vögel, rumpelnde Ochsenkarren, radelnde Touristen: Hunderte, Aberhunderte, vielleicht auch Tausende von Pagoden wachsen nur für einen selbst in allen Himmelsrichtungen aus Feldern und Weiden, aus Staub und Dunst, manche klein wie Kapellen, andere mächtig wie Kathedralen und alle aus roten Ziegelsteinen aufgetürmt, rot wie die Kutten der Mönche und die Farbe des Glaubens. Was in Gottes Namen ist das hier? Die große, geheimnisvolle Nekropole der Pagoden? Die auf die Erde verbannten Ruinen einer Himmelsstadt? Ein trockengelegtes buddhistisches Atlantis?

Vielleicht sind es auch nur Mahnmale der Vanitas mundi. Denn keine Paläste haben von der Königsstadt überlebt, nur Sakralbauten, die höheren Herren als Königen dienen. Und so sitzt man hier oben und denkt sich, dass Buddha seine schützende Hand über diesen Pagoden-Planeten halten muss, sonst gebe es all das längst nicht mehr. Will man wirklich wissen, dass Bagan in Wahrheit keine Demonstration göttlicher Schutzmacht, sondern menschlicher Gottesfurcht ist? Will man wissen müssen, dass bei einem fürchterlichen Erdbeben 1975 viele Tempel zerstört wurden und die bettelarmen Burmesen in einem unfassbaren Kraftakt mehr als zweitausend Pagoden wieder in Stand und Pracht gesetzt haben, weil es in diesem Land nicht sein kann, dass Gotteshäuser in Trümmern liegen? Viel lieber sitzt man schweigend auf der Plattform, berauscht sich an der Illusion der Endgültigkeit dieser sakralen Landschaft, an ihrer monumentalen Intimität und triumphalen Stille, bis sie irgendwann gespenstisch wird. Denn Pagoden ohne Menschen, Buddhas ohne Betende, Gotteshäuser ohne Gotteskinder sind undenkbar in Burma.

Golden schimmern nur die Stupas

Ehrfurcht muss nicht still sein, Andacht nicht leise und Inbrunst nicht beklemmend, jedenfalls nicht in Burma. Das ist die grandiose Erfahrung, die man in der Schwedagon-Pagode in Rangun macht, der größten Stadt des Landes, die zurzeit ein wenig verloren im Nirgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft herumirrt, zwischen zaghaftem Aufbruch mit den ersten Shopping-Malls und schimmelfleckiger Melancholie mit den verwitterten Erbstücken aus der britischen Kolonialzeit. Rangun ist eine Stadt noch ohne jeden Glamour und Glitter der asiatischen Fortschrittsgläubigkeit, in der man sich sonntags im Volksvergnügungspark mit seinen rumpelnden Fahrgeschäften aus den sechziger Jahren zum Familienpicknick trifft, in der nicht die Schaufenster von Dior und Gucci golden schimmern, sondern die Stupas - und in der noch kein Wolkenkratzer die Hybris und Häresie besitzt, den Thron in der Stadtsilhouette der Schwedagon-Pagode streitig zu machen, dem wichtigsten aller Tempel Burmas.

Topmeldungen

Zum Tod von Thomas Oppermann : Ein beherzter Streiter für die Demokratie

Kämpfend stemmte sich Thomas Oppermann dem Niedergang der SPD entgegen. Er war ein pointierter Redner, erfahrener Jurist und gehörte zu den energischen Taktgebern seiner Partei. Doch die erfüllte seinen Wunsch nach einem Ministeramt nicht.
Auch im eigenen Heimatstaat Kentucky wird es knapp: Mitch McConnell

Mitch McConnell : Der Architekt des Supreme Court

Sollte der Senat heute für Amy Coney Barrett stimmen, hätte der republikanische Mehrheitsführer drei Richter an den Obersten Gerichtshof Amerikas gebracht. Das wäre sein politisches Vermächtnis.