https://www.faz.net/-1w5-6xj7o

Burma : Das Glück wohnt in Pagoden

Das glänzende Schicksal des dicken Balttgoldbuddhas

Man wird reich beschenkt in diesem Land, überall, pausenlos, auch in der Königsstadt Mandalay mit ihrem berühmten Mahamuni-Tempel, dem Haus des Großen Buddha. Ihm machen alle Burmesen ihre Aufwartung, selbst die weltlichen Herren, die sich dabei von ihren Hoffotografen ins rechte Licht setzen und dann die Aufnahmen im Tempel aufstellen lassen. Der neue Präsident ist auch schon da gewesen, ein Mann mit einem ernsten, aber offenen Gesicht, über das sogar eine Andeutung von Herzlichkeit huscht - eine subtile Propagandabotschaft, denn der Unterschied zu seinem Vorgänger könnte erschreckender nicht sein. Auf dessen Fotos genau gegenüber sieht man einen misstrauischen, feindseligen, hartherzigen Soldaten, der den Großen Buddha herumzukommandieren scheint wie einen Untergefreiten.

Vielleicht putzt er ihn gerade wegen seiner schlechten körperlichen Verfassung herunter, denn der Große Buddha hat inzwischen wirklich jede Form und Proportion verloren. Schuld daran ist die maßlose Liebe der Menschen zu ihm, die eine Bilderfolge im Tempel dokumentiert: Ein Foto aus dem Jahr 1901 zeigt ihn noch als ranken, schlanken Kerl. Doch seither haben Millionen Gläubige ihre Blattgoldspenden auf den Leib des Erleuchteten geklebt, der jetzt zu einem wulstigen Klops angeschwollen ist und immer noch immer dicker wird. Stoisch sitzt er goldfettleibig auf seinem goldenen Podest in einem goldglänzenden Saal, während seine Verehrer Schlange stehen, um den Vierteltonnengoldkoloss weiter mit Blattgold zu bekleben, und die Pilger zu seinen Füßen in tiefer Meditation versunken sind, manche in Safrankutten, andere in FC-Barcelona-Trikots und einige wenige auch in Tarnanzügen.

Sanftmut statt Leichentuchflüche

Nicht viel anders als zu jeder Zeit, als Siddharta Gautama unter seinem Bodhi-Baum die Erweckung fand, stellt man das Blattgold in den Werkstätten rund um den Mahamuni-Tempel heute her. Mit bloßer Hand wird es unendlich mühevoll Stunde um Stunde im monotonen Dröhnen der Hämmer von sehnigen Männern hauchdünn geklopft, die das Gold mit ihrem Schweiß tränken, aber nicht mit ihren Tränen. Schaut man ihnen in die Augen, sieht man dort kein böses Funkeln, kein Verwünschen ihrer menschenunwürdigen Existenz als elende Blattgoldklopfer, sondern nur Langmut, Sanftmut, Fatalismus vielleicht, aber wieder keine Verzweiflung. So ist das überall in Burma, das sich klaglos in sein archaisches Schicksal zu fügen scheint. Die Weber schuften an ihren mechanischen Stühlen wie bei Heine oder Hauptmann, doch ohne düstere Augen, ohne fletschende Zähne, ohne Leichentuchflüche. Nach einer Viertelstunde schon birst den Besuchern hier fast der Schädel, weil man glaubt, die fliegenden Schiffchen rasten quer durchs eigene Gehirn. Wie kann man das nur ein Leben lang lächelnd aushalten?

Ikone des Widerstandes gegen die Militärdiktatur: die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die Burmas nächste Präsidentin werden könnte.
Ikone des Widerstandes gegen die Militärdiktatur: die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die Burmas nächste Präsidentin werden könnte. : Bild: afp

Genauso archaisch geht es bei den Steinmetzen zu, die hinter dem Mahamuni-Tempel auf offener Straße Buddhas aus Marmorblöcken meißeln, zu Hunderten im klackenden Rhythmus dieser Steineklopfersklavenmelodie. Weiß vor Staub sind die Blätter der Bäume, die Dächer der Häuser, die Haare der Männer und wahrscheinlich auch ihre Lungen. Sie husten sich lakonisch dem Tod entgegen, meißeln einfachweiter und formen mit bloßen Händen glänzend polierte Körper aus den Blöcken. Die Köpfe aber machen sie ganz zum Schluss, denn der Käufer bestimmt den Gesichtsausdruck des Buddhas. Und so stehen gespenstische Kohorten des Erleuchteten in Reih und Glied an der Straße, vollendete Körper, die keine Köpfe haben, sondern Quader, gerundete Leiber mit einem rechtwinkligen Block als Haupt.Es sind surrealistische Glaubensstatuen, verstörend in ihrem unmenschlich Menschlichen, vielleicht aber auch nur eine Metapher für die Vereinbarkeit von Menschlichkeit und Unmenschlichkeit in Burma.

Topmeldungen

Reges Treiben in der Londoner U-Bahn

Staatshilfen benötigt : Londons U-Bahn in Not

Die Londoner „Tube“ leidet unter den Folgen der Corona-Pandemie. Die schon vorher defizitäre Verkehrsgesellschaft TfL braucht Staatshilfe in Milliardenhöhe.
Auf dieses Bild werden die Frankfurter in diesem Jahr verzichten müssen: Der Weihnachtsmarkt am Römer (Archivbild von 2015)

Höchststand an Neuinfektionen : Frankfurt sagt Weihnachtsmarkt ab

Der Frankfurter Weihnachtsmarkt ist endgültig abgesagt. Das hat Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) nach einer Sondersitzung des Verwaltungsstabs am Samstag bestätigt. Zudem beschließt die Stadt weitere Einschränkungen.
Ein Adelssitz im Zwielicht: die Burg Hohenzollern bei Hechingen in Baden-Württemberg

Entschädigungsansprüche : Das Recht der Hohenzollern

Der Ton in der Debatte wird schärfer: Im Streit um die Entschädigungsansprüche der Hohenzollern werden Politik und Verwaltung von Kammerjägern unter Druck gesetzt. Ein Gastbeitrag.