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Burma : Das Glück wohnt in Pagoden

Ein Schatz an Menschlichkeit

Es ist eine vierhunderttausend Mann und Frau starke Gottesarmee, bewaffnet nur mit einem Bettelnapf, die friedlich durch Städte und Dörfer zieht, Greise und Kinder, Kräftige und Klapperdürre, alle kahlgeschoren und viele barfüßig, lauter Menschen ohne irdischen Ballast, denen der höchste Respekt und die tiefste Demut entgegengebracht wird. Immer wieder bekommt man Gänsehaut in der Tropenhitze, wenn man Zeuge dieser Demutsgesten und Respektbezeugungen wird, weil sie in ihrer Selbstverständlichkeit so würdevoll und in ihrer Würde so selbstverständlich sind - etwa wenn sich ein Burmese einem Bettelmönch nähert, vor ihm aus seinen Latschen schlüpft, so nackt wie er im Staub steht, sich tief verneigt und ihm dabei mit beiden, wie zum Gebet gefalteten Händen und einem Lächeln wie aus tiefstem Seelengrund eine Spende überreicht, ein paar Körner Reis, ein bisschen Geld, einen Schatz an Menschlichkeit für den Abgesandten Gottes.

Die Zahl von Gotteshäusern ist unvorstellbar groß in Burma. Staunend und schon lange nicht mehr zählend, taumelt der Blick über die Landschaft, unfähig zu glauben, wie viele Glaubensbeweise er sieht - Pagoden, Tempel, Stupas, Hunderte, Tausende, Zehntausende, in glänzendem Gold, strahlendem Weiß, leuchtendem Ziegelsteinrot, majestätisch auf Hügeln thronend, schüchtern in Reisfeldern kauernd, unwirklich aus dem Dunst der Dämmerung stechend wie die Lanzen ganzer himmlischer Heerscharen. Sie scheinen aus der Erde zu sprießen und zu wuchern, als bedecke eine dicke Humusschicht an Glaubensfruchtbarkeit den Boden, als sei er gesättigt mit Abermillionen Pagodensamen, die alle nur darauf warten, gen Himmel zu streben, zum Ruhme Buddhas und Wohle der Menschen. Denn wer in diesem Leben einen Tempel baut, heißt es, werde im nächsten Leben glücklicher sein. Kann das Unglück in Burma wohnen?

Saucen aus halbverwesten Fischen

Im Grunde stellt man sich diese Frage nicht, wenn man durch das Land fährt, durch Dörfer kommt, die arm, aber nicht elend sind, einen Alltag erlebt, den kein Überlebenskampf verhärmt, oder auf Märkte geht, die nicht wissen, was Hunger ist, sondern vom Reichtum der Erde zeugen. Stapel gepökelter Feldratten werden hier verkauft und Berge halbverwester Fische mit immer noch halbwegs intakten Leibern und Köpfen, die ein Jahr lang fermentiert wurden und die Grundlage einer fabelhaften Sauce sind; ihr Geschmack ist ebenso herzhaft wie das Lachen der Marktfrauen, die sich über die verschreckten Mienen der ausländischen Besucher amüsieren und ihnen schelmisch Kostproben anbieten. Und am liebsten würde man sie in einen dieser Korbsessel probieren, den clevere Imbissbesitzer auf einem Irrawaddy-Damm aufgestellt haben; das sei die "Rendez-vous-Meile", sagen die Burmesen, die Verliebten holten sich einen Snack bei den Imbissbuden auf der anderen Straßenseite und schauten sich dann in aller Ruhe den Sonnenuntergang an - oder aber doch nur glückstrunken gegenseitig ins Gesicht.

Der wichtgste Tempel Burmas: Vor 2559 Jahren wurde der Grundstein der Schwedagon-Pagode in Rangun gelegt, die acht Haare Buddhas verwahrt.
Der wichtgste Tempel Burmas: Vor 2559 Jahren wurde der Grundstein der Schwedagon-Pagode in Rangun gelegt, die acht Haare Buddhas verwahrt. : Bild: dpa

Am allerwenigsten stellt sich die Glücksfrage in den Klöstern, die offen für jeden und oft auch Schulen sind. Sie unterrichten diejenigen, die sonst niemand unterrichtet - die Ärmsten der Ärmsten oder die Kinder der Völker aus den Bergen des Vielvölkerstaates Burma, die unter einem Pagodendach im Kreis zusammensitzen, im Leierkastenchor ihre Lektionen aufsagen, dann erstaunt innehalten und die fremden Besucher aus Riesenrehaugen anschauen. Es sind Blicke vollkommen frei von Misstrauen, Argwohn und der Vorstellung, dass Menschen schlecht sein können. Es sind die schönsten Souvenirs, die man aus Burma mitnimmt.

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