https://www.faz.net/-1w5-15wg2

Deutschland : Die wildwestfälische Pause

  • -Aktualisiert am

Schöner als Manufactum: In der Bahnhofsgaststätte von Altenbeken ist die Welt noch in Ordnung. Bild: Jan Wiele

Wer von Westfalen aus mit dem Zug nach Süden fährt, macht im Bahnhof Altenbeken Station. Die Zeit dort scheint stehengeblieben zu sein - und das Verweilen beginnt man zu lieben.

          4 Min.

          Wenn der Zug, aus dem man ausgestiegen ist, in der Ferne verschwindet, wird es ganz still auf dem Bahnsteig. Es ist eine Stille, die man aus alten Wildwestfilmen kennt, wenn der Sheriff den Saloon verlassen hat und misstrauisch die leere Straße beäugt. Man fragt sich, ob der Ausstieg aus dem Zug ein Fehler war. Man sieht schon förmlich Clint Eastwood am Gleis gegenüber stehen - dann ist es aber doch nur ein westfälischer Rentner. Der Wind kann hier bisweilen rauh sein, doch es hilft nichts. Wenn man von Westfalen aus mit der Bahn nach Süden möchte, bloß irgendwohin nach Süden, nicht einmal gerade bis zu den Tigern: In Altenbeken wird man wieder ausgespuckt, bevor die Reise überhaupt richtig begonnen hat.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Das war schon immer so. Reisen der Schulzeit etwa begannen mit der Zwangspause in Altenbeken, bei der man gleich gegen alle elterlichen Verbote und Resolutionen sein Geld am Bahnhofskiosk auf den Kopf haute, oder noch schlimmer: Man ruinierte zu Beginn einer Interrailtour schon beim Verlassen des Regionalzugs den Glasschirm einer Camping-Gaslaterne, die doch vier Wochen lang französische Nächte erhellen sollte. Da lagen sie dann auf dem Altenbekener Bahnsteig, die Scherben dieser Laterne, nur eine Stunde nach dem Aufbruch, und die französische Nacht blieb dunkel.

          Zwischen Herford und Kassel

          Bis zu vierunddreißig Minuten muss man in Altenbeken auch heute noch warten, wenn man beispielsweise von Herford Richtung Kassel unterwegs ist oder umgekehrt - daran kann wohl auch der modernste Fahrplan nichts ändern. Das Schöne aber ist: Mit der Zeit gewöhnt man sich an diese Pause, ja, man beginnt sie zu schätzen. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen gesteht man sich ein, dass bei der Bahn durch verpasste Anschlüsse oft ungeplant weitaus längere Wartezeiten entstehen - hier dagegen weiß man wenigstens, was auf einen zukommt, und kann angesichts dessen jene Gelassenheit demonstrieren, die so vielen Bahnreisenden heute fehlt. Man beginnt schon vor Erreichen des Bahnhofs, sich in die wildwestfälische Pause hineinzudenken. Und das bringt einem ein Lächeln ins Gesicht.

          Zum anderen gibt es in Altenbeken ein Bahnhofslokal zu entdecken, in dem sprichwörtlich die Zeit stehengeblieben ist. Jeden Moment, so denkt man beim Anblick des Mobiliars aus den fünfziger Jahren, könnte etwa eine lustige Musikantengruppe wie jene aus dem Heimatfilm "Wenn die Heide blüht" auftauchen, um den Wirt von den Vorzügen handgemachter Musik gegenüber einer Jukebox zu überzeugen. Vom Linoleumfußboden über Stühle und Tische bis zu den Kleiderhaken und der alten Registrierkasse ist hier noch alles aus einem Guss, für die grazilen weißen Zylinderlampen würde mancher ein Vermögen geben. Die der riesigen Theke gegenüberliegende Wand, auch das hat man lange nicht mehr gesehen, ist eine Ziehharmonikatür, deren Öffnung bei Bedarf das Etablissement in einen doppelt so großen Tanzsaal verwandeln kann.

          Gäste mit literarischen Ambitionen

          Beim Kaffee hat man hier nicht nur die Wahl zwischen Tasse oder Kännchen, sondern auch dem noch größeren "Pott", der dem Nichtwestfalen als etwas derb erscheinen mag. Die Tasse kommt dafür auf einem kleinen Silbertablett mit Spitzendeckchen aus Papier, die Milch dazu in einem klitzekleinen Ein-Portionen-Milchgießer. Das ist aber noch nicht alles. Wer möchte, kann "bei Kaffee und Kuchen eine Reise buchen", wie auf einer Tafel steht: Direkt neben der Theke befindet sich nämlich das vielleicht kleinste Bahn-Reisezentrum Deutschlands, der Betreiber ist Wirt und Schalterbeamter in Personalunion. Mit Hingabe berät er, der eben noch den Skatspielern in der Ecke Bier serviert hat, eine Dame mit Hündchen hinsichtlich einer Reise in die Schweiz - und da ist weiß Gott viel zu bedenken: das Tier und seine Vorlieben, die Ermäßigungen unter bestimmten Umständen, die Möglichkeit eines Nachtzugs. Die Dame ist hartnäckig unentschlossen, so dass er ihr zweimal Zeit zum Überlegen gibt, während er vorne am Kiosk Bockwurst oder Nappo verkauft. Ja, tatsächlich gibt es hier auch noch Nappo, dieses rautenförmige Süßwarenrelikt aus vergangenen Zeiten. Denen, die er gerade nicht betreut, ruft der Wirt jeweils flötend zu: "Sekunde, bin gleich wieder da!". Der Kartoffelsalat zur Bockwurst ist hausgemacht wie der Kuchen des Tages; die Familie wird bis zu den jüngsten Mitgliedern hin verschiedentlich mit eingespannt. In dritter Generation wird die Bahnhofsgaststätte schon betrieben. Solange der Fahrplan sich nicht ändert, könnte es noch viele Jahre lang so weitergehen.

          Topmeldungen

          Armin Laschet am Samstag in Warendorf

          Bundestagswahl : Was Laschet falsch macht und was richtig

          Der Kandidat der Union will auf einer Welle des Vertrauens ins Kanzleramt reiten. Das ist ein wenig, als würde die Bahn mit Pünktlichkeit werben. Oder Tinder mit ewiger Treue.
          „Viel Freizeit gibt es nicht“: Cihan Çelik vor dem Klinikum Darmstadt

          Lungenarzt Cihan Çelik : „Ich bin etwas desillusioniert“

          In seiner Klinik wurden in dieser Woche schon mehr Corona-Patienten betreut, als Richtwerte der Politik vorsehen. Lungenarzt Cihan Çelik über frustriertes Personal, die Nachlässigkeit der Ungeimpften und Patienten, die ausgeflogen werden müssen.
          Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq

          Michel Houellebecq : „Ich war süß und hübsch“

          In einer erstmals auf Deutsch veröffentlichten Tagebuchaufzeichnung aus dem Jahr 2005 schreibt der französische Schriftsteller über das Verhältnis zu seiner Mutter und darüber, wie es seine Beziehung zu Frauen prägte.