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: Aufs Bajonett der Sonne gespießt

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Stundenlang rollt man durch die stillen Berge und sieht kein Dorf, kein Haus, keinen Menschen, nur das Grün der weichen Mittelgebirgszüge, die Steineichen, Korkeichen, das Buschwerk aus Zistrosen, Erdbeerbäumen, Ginster, ab und zu einen Adler oder Geier am Himmel.

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          Stundenlang rollt man durch die stillen Berge und sieht kein Dorf, kein Haus, keinen Menschen, nur das Grün der weichen Mittelgebirgszüge, die Steineichen, Korkeichen, das Buschwerk aus Zistrosen, Erdbeerbäumen, Ginster, ab und zu einen Adler oder Geier am Himmel. Das Einzige, was darauf hindeutet, dass sich an diesem ursprünglichen mediterranen Wald in den vergangenen tausend Jahren etwas verändert hat, ist der Drahtzaun. Endlos zieht er sich am Weg entlang, um die Latifundien herum, durchbrochen nur von vergitterten Mauerbögen, hinter denen Erdpisten verschwinden, Einfahrten zu den Ländereien, auf denen sich irgendwo die Herrenhäuser verstecken. Es ist ein wenig unheimlich: Man weiß nicht recht, ob man allein ist in der Natur oder von Aufsehern durch Ferngläser beobachtet und von Kameras verfolgt wird.

          Ganz Spanien ist ein Jagdrevier, und die zentralspanischen Montes de Toledo sind sein Herz. Wo immer man sich in der freien Natur bewegt, in der Steppe, in der Halbwüste, ständig stößt man auf die kleinen Hinweisschilder: "Coto privado de caza". Mehr als zwei Drittel des spanischen Territoriums sind Jagdgründe, davon befinden sich neunzig Prozent in Privathand. Die Berge von Toledo stellen eines der traditionsreichsten Reviere dar. Sie wurden zum bevorzugten Jagdgebiet der spanischen Adelsfamilien, die sich nach der Vertreibung der Mauren aus Toledo Ende des elften Jahrhunderts in der ehemaligen Hauptstadt des Westgotenreiches niederließen. Im neunzehnten Jahrhundert kaufte die neue Finanzoligarchie der alten Aristokratie so manches Gut ab, und in den achtziger und neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wiederholte sich die Geschichte: Finanzhaie des spanischen Wirtschaftswunders erwarben in den Montes de Toledo, so nah an Madrid, Tausende Hektar umfassende Fincas, um der schnell vermehrten Pesete Patina und sich selbst das Ansehen mittelalterlicher Feudalherren zu verleihen. Und sie gingen dem alten Lieblingssport der Könige nach: Jagdgesellschaften zu veranstalten, bei denen man nebenbei Geschäfte bespricht, Beziehungen pflegt, vorteilhafte Heiraten aushandelt und um die Gunst menschlicher Hirschkühe röhrt.

          Die neureichen Jongleure des leichten Geldes setzten rustikale, gleichwohl mit allem Luxus versehene Landhäuser auf ihre Besitzungen einschließlich Hubschrauberlandeplatz, klimatisierten Pools, Gemäldesammlung, Reitstall, unter Umständen einer hübschen kleinen Stierfarm. Es sind Palastburgen, die natürlich durch ein vorgeschobenes Festungswerk gesichert werden müssen, durch zeitgemäße Drahtzäune, hinter denen das Wachpersonal - bei Anwesenheit des modernen Schlossherrn - im Geländewagen patrouilliert.

          Für das Wild sind die umzäunten Fincas immense Freigehege oder - wenn man so will - Käfige, aus denen es kein Entrinnen gibt, was im Falle eines Waldbrands fatale Folgen hat. Doch dass die Montes de Toledo seit Jahrhunderten fast ausschließlich als Jagdrevier genutzt werden, hat grundsätzlich einen unschätzbaren Vorteil: Die Vegetation ist nahezu im Urzustand erhalten und dient der Fauna als Habitat. Zwar wurde der Braunbär um die Wende vom siebzehnten zum achtzehnten Jahrhundert, der Steinbock Ende des neunzehnten Jahrhunderts ausgerottet und der letzte Wolf 1972 erlegt. Doch das Gebiet ist reich an Dam-, Rot- und Schwarzwild, an Hasen und Rebhühnern, außerdem gibt es Wildkatzen, Marder, Iltisse, Wiesel, Füchse. Selbst der hochgefährdete Iberische Luchs hat eines seiner letzten Refugien in den Montes, über denen Gänsegeier, Steinadler, Sperber, Schmutzgeier, Milane, Schwarzstörche, Schlangenadler, Mönchsgeier, sogar Kaiseradler fliegen. Seit 1991 existiert im Coto Nacional de los Quintos de Mora, einer fast siebentausend Hektar großen, staatlichen Finca, ein Zentrum zur Aufzucht und Wiederansiedlung des Spanischen Kaiseradlers.

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