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: Alltagsflucht mit Augenklappe

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Den königlichen Hafen erreicht man mit dem Auto über eine Zugbrücke, die von schweren Eisenketten gesäumt ist. Da passt ja einiges nicht zusammen, denken sich die Novizen im Heide-Park Soltau, Deutschlands drittgrößtem Freizeitpark am Rande der Lüneburger Heide.

          Den königlichen Hafen erreicht man mit dem Auto über eine Zugbrücke, die von schweren Eisenketten gesäumt ist. Da passt ja einiges nicht zusammen, denken sich die Novizen im Heide-Park Soltau, Deutschlands drittgrößtem Freizeitpark am Rande der Lüneburger Heide. Doch die größte Verwirrung, der wirkliche Schock kommt erst nach der Zugbrücke: Der Hafen Seiner Majestät ist fest in Piratenhand, für immer verloren für Krone und Vaterland. Die Kinder stört das allerdings überhaupt nicht. Sie begrüßen freudestrahlend in der Lobby des Hotels Port Royal die grinsenden Skelette, die aus jedem Winkel zwischen zerrissenen Fischernetzen auf die Neuankömmlinge herabblicken, und nehmen dann an der Rezeption die Seeräuber-Grundausstattung in Empfang: eine Augenklappe und ein schwarzes Kopftuch mit weißen Totenschädeln. In ihren Eltern keimt derweil langsam aber sicher die Skepsis, wie hoch der Erholungswert in einem Freizeitpark wohl sein kann, in dem man auf Schritt und Tritt von Piratenrequisiten verfolgt wird. In einem Punkt sind sie nach dem Einchecken jedoch beruhigt: Der Komfort in diesem Vier-Sterne-Hotel unterscheidet sich glücklicherweise deutlich von dem, womit die ungewaschenen Korsaren aus dem siebzehnten Jahrhundert vorliebnehmen mussten. Genaugenommen würde den Freibeutern von einst bei all den Annehmlichkeiten hier vor Staunen vermutlich die Augenklappe aus dem Gesicht fallen.

          Die Aussicht aus dem Zimmer im vierten Stock gewährt zwar keinen Blick auf das Meer, dafür aber auf mindestens fünf verschiedene Achterbahnen, deren Loopings sich wie hingeworfene Luftschlangen über dem gesamten Gelände kringeln. Der Mutter wird schon vom Hingucken übel, doch die Kinder drücken sich die Nasen an der Scheibe platt. Sie haben jetzt nur eines im Sinn: nichts wie hinunter und ab ins bunte Getümmel. Während der ersten halben Stunde werden sie von dem Unglück beherrscht, im Heide-Park nicht alles gleichzeitig machen zu können. Schließlich fällt ihre Wahl auf den Big Loop, eine Achterbahn, die ihre Mitfahrer mehrfach auf den Kopf stellt. Das hat bei den Kindern zur Folge, dass sie ihre Eltern nach diesem Erlebnis etwa alle zwanzig Sekunden mit der Frage quälen, wann sie endlich wieder Big Loop fahren dürften. Schließlich drohen die Erziehungsberechtigten, den Urlaub auf der Stelle abzubrechen, sollte noch einmal dieses Wort in den Mund genommen werden.

          Schon nach weniger als einer Stunde erkennen sie, wie berechtigt ihre Zweifel am Erholungswert waren, denn Verschnaufpausen sind hier nicht vorgesehen. Der Heide-Park lockt mit einem so spektakulären Angebot an Fahrgeschäften, dass eine Pause fahrlässig verschenkte Zeit wäre; so argumentieren jedenfalls die Kinder. Wild entschlossen stürzen sie sich in jedes Getümmel, selbst in die ToPiLaula-Schlacht, bei der sich Bootsfahrer und Steg-Spaziergänger gegenseitig mit Wasserkanonen nass spritzen. Das älteste der Kinder engagiert sich dabei derart, als habe es in einem der Boote seine Mathematiklehrerin entdeckt. Ein Schild warnt: "Hier werden Sie richtig nass!" Das stimmt. Nach der Wasserschlacht kleben die Jeans klitschnass an den Beinen. Und die Lebenskraft der Eltern ist wie aus den Körpern gewaschen.

          Sie zeigen nun ernstzunehmende Ermüdungserscheinungen. Mit klammen Kleidern sinken sie erschöpft auf eine Bank und stellen beschämt fest, dass sie weit und breit die Einzigen sind, die schlappmachen. An ihrer Bank ziehen Paraden von Freizeitparkbesuchern vorbei, lauter glückliche Menschen mit gesunder Gesichtsfarbe, gesundem Appetit, unerschöpflicher Energie und dem unbedingten Willen, sich zu amüsieren. Den Kindern sind die eigenen Eltern peinlich. Energisch zerren sie die Erziehungsberechtigten von der Bank hoch, voller Scham, aber auch voller Sorge, in der verfügbaren Zeit nicht alle Attraktionen abarbeiten zu können.

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