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Psychisch Kranke : Übergriffe, Hass, Gewalt

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Wurde als schizophrener Täter bekannt. Der rechtsradikale Norweger Anders Behring Breivik, der Dutzende Kinder ermordet hat. Bild: dapd

Psychopathen werden vor allem als Täter wahrgenommen. Falsch, denn sie sind meistens die Opfer. Eine Studie liefert erschreckende Zahlen über die Gewalt an seelisch kranken Menschen.

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          Psychisch Kranke werden dreimal häufiger Opfer von Straftaten als andere Menschen. Dieses Ergebnis einer aktuellen Studie der University of London ist der Zeitschrift „Lancet“ einen namentlich nicht gezeichneten Leitartikel wert. Die Herausgeber schreiben von „schockierenden Zahlen“ (Bd. 382, S. 1309). Sie betonen die Notwendigkeit eines Perspektivenwechsels, wenn es um psychisch Kranke und Gewalt geht. Die Medien und die Öffentlichkeit sähen die Kranken immer noch nur als Täter, nie als Opfer.

          Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte schwedische Untersuchung hatte bereits festgestellt, dass ein Viertel der Opfer von Tötungshandlungen in Schweden psychisch Kranke sind - ein unverhältnismäßig hoher Anteil (siehe F.A.Z. vom 18. September 2013). Die aktuelle englische Untersuchung, die sich auf die Befragung von 361 Personen mit schweren psychischen Krankheiten und 3238 Kontrollpersonen stützt, zeigt nun, dass das in noch größerem Umfang für andere Vergehen und Verbrechen gilt: Psychisch Kranke sind viermal so oft wie andere Menschen Opfer von Gewalttaten aller Art, psychisch kranke Frauen sogar zehnmal so häufig. Im Jahr der Untersuchung wurden sie siebenmal so oft wie andere Leute Opfer von mehr als drei Straftaten. Ebenso oft wurden sie Opfer von Hassverbrechen, - also von Verbrechen, die die Täter gezielt gegen sie richteten, weil sie sie als psychisch Kranke erkannten. Allgemein gilt, dass Kranke bei schlechter Gesundheit oder erkennbaren psychischen Verhaltensauffälligkeiten häufiger Opfer von Straftaten wurden als Kranke, denen es relativ gut ging, insbesondere solchen, die gut behandelt und betreut wurden.

          Die Delikte kamen nur in der Hälfte der Fälle zur Anzeige bei der Polizei und nur selten zur Anklage. Das galt besonders für die häufigen Opfer von häuslicher Gewalt. Die Auswirkungen der Übergriffe auf die Betroffenen waren verheerend: Psychisch kranke Opfer haben noch größere Schwierigkeiten als andere Betroffene, die erlittenen körperlichen und psychischen Traumata zu verarbeiten und zu bewältigen. Nicht selten lösen solche Angriffe auf ihre körperliche und psychische Integrität Wiedererkrankungen aus. Fast immer beeinträchtigen sie die Lebensqualität der Betroffenen für lange Zeit.

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